03-09-2002 Schlammschlachten

Cusco - Abancay

Ich fahre nun durch das zentrale Hochland von Peru. Die Berge sind hier nicht höher geworden, aber die Täler viel tiefer! Es gibt hier praktisch keinen flachen Flecken, entweder es geht steil rauf oder steil runter.

So fahre ich fast täglich über einen gut 4000m hohen Pass und am selben Tag zu einem 1800m tiefen Fluss runter! Das ist natürlich genau meine Kragenweite und so starte ich voller Elan in diesen Abschnitt. Leider habe ich etwas Pech mit dem Wetter gehabt. Bereits den ersten hohen Pass überquere ich im heftigen Regen (den ersten auf dieser Tour). Durch den Regen ist die Fahrbahn sehr glitschig geworden und so passiert es, dass ich in einer der unzähligen engen Kurven stürze. Ausser dem Schock ist aber zum Glück nichts passiert. Nach Abancay ist fertig mit dem Asphalt. In der Nacht hatte es schon heftig geregnet und so ist die Piste runter zum Fluss ein einziges Schlammbad, als ich runterfahre. Das Velo und ich sehen schrecklich aus, als wir unten ankommen. So gut es geht putze ich Kette und Ritzel, denn nun steht ein langer Anstieg bevor. Die Piste ist jetzt zum Glück etwas steiniger geworden und OK zum Fahren. In scheinbar unendlich vielen Kehren schraubt sich die Strasse in die Hoehe. Bald tauche ich wieder in die Wolken ein und damit beginnt es auch wieder zu regnen. Im dichten Nebel fahre ich durch den gespenstischen Eukalyptuswald. 8 1/2 Stunden bin ich heute im Sattel gesessen und nur gerede 70km weiter... dafuer aber 2100m höher! Die Schlammschlacht geht am nächsten Tag weiter. Nach einer kurzen Abfahrt geht es zum zweiten, noch höheren Pass hoch. Fast im Schrittempo holpere ich danach von Pfütze zu Pfütze wieder tief runter ins Tal zur nächsten Stadt. Um nicht gleich verjagt zu werden, wasche ich erst einmal mich und das Velo an einem Fluss von der Stadteinfahrt...

05-09-2002 River deep, Mountain high

Gegenverkehr auf dem Altiplano !

Das Wetter bessert sich langsam und weiter geht die Fahrt durch diese gebirgige Gegend. Es ist enorm, durch wieviele verschiedene Zonen ich fahre: Auf den 4000m-Pässen ist Puna mit dem Ichu Gras. Bis fast auf diese Höhe sind viele Kartoffelfelder, die von den Leuten an den steilsten Hängen bearbeitet werden. Etwa auf 3000m hat es oft dichten Wald. Das Tal ist hier sehr fruchtbar und es hat viele Weiler. Weiter unten sind es oft enge Canyons. Hier ist es sehr heiss und oft fahre ich durch einen wahren Wald aus Kakteen. An den tiefsten Orten wachsen Bananen und Papaya und in den Bäumen hat es Papageie.

Heute war wieder ein harter Tag. Ich bin durch alle oben beschriebenen Zonen gefahren und habe dabei über 2100 Höhenmeter zurückgelegt. Ich zelte auf einem 4000m Pass inmitten von Ichu-Gras. Die Aussicht ist grandios. In der untergehenden Abendsonne verfärbt sich der Horizont in allen Farben. Es war wieder jeden Meter wert, jeden einzelnen! Am nächsten Tag bleibt die Strasse fuer 50km auf dieser Höhe: eine Traumwelt! Ich überquere den Abra Huamira (4400m) und fahre dann runter nach Ayacucho, "die Stadt des Blutes". Hier wurde die letzte Schlacht gegen die Spanier ausgetragen, welche Peru die Unabhängigkeit brachte.

09-09-2002 über allen Wolken

Auf dem Weg nach Santa Inés

Die Strecke von Ayacucho nach Huancavelica ist ein wahrer 'Highway'. Während über 150km fällt die Strasse nie unter 4000m. Zuerst überquere ich den Abra Apacheta (4750m). Dank den vielen Erzen im Boden, leuchten die Felsen in allen möglichen Farben. Auf der Fahrt nach Santa Ines fahre ich an der Laguna Chuclacocha vorbei. Ein grosser, tiefblauer See auf 4500m inmitten rot leuchtender Felsen. Danach geht es ueber den Abra Chonta (4850m). Doch damit noch nicht genug: auf dem Pass zweigt eine Strasse zu einem noch höheren Pass ab, dem Abra Huayraccasa, mit 5059m der höchste befahrbare Pass Amerikas! Keine Frage, dass ich da rauf muss! Es scheint, als fahre ich genau auf einen Vulkan: rote und schwarze Asche, dazwischen hellgrünes Moos - unglaubliche Farben. Die Nacht darauf zelte ich auf einem Altiplano auf 4500m. Fast die ganze Nacht schneit es und bald ist alles mit einer 10cm dicken Schneedecke überzogen. Am nächsten Morgen fahre ich durch ein wahres Wintermärchen. Überall grasen grosse Alpaca herden.

16-09-2002 Minenstädte

In den letzten Tagen hat es jeweils am frühen Abend geregnet. Dadurch sind nun oft die Pisten noch sehr dreckig am Morgen. Noch einmal geht es über einige Pässe und ruppige Pisten, ehe ich kurz vor Huancayo seit langem wieder auf eine asphaltierte Strasse treffe. Das Velo sieht furchtbar aus, alles ist mit einer dicken Dreckschicht überzogen. Im Hotel kommt das Velo gleich mit unter die Dusche! Ich fahre jetzt zwar wieder auf einer guten Strasse, dafür hat der Verkehr zugenommen. La Oroya ist eine typische Minenstadt. Niemand würde hier in das enge Tal eine Stadt bauen, wären da nicht die Minen. Am Eingang begrüsst mich ein schwarzes Ungeheuer - hier werden die Erze geschmolzen. Obwohl nicht an meiner Route liegend, kann ich es nicht lassen, einen Abstecher auf den Abra Anticona zu machen. Eine tolle Landschaft: Rechts hat es knackige Berge aus Fels & Eis. Auf der linken Seite andauernd die farbigen Berge. Hier hat es eine Mine nach der andern, mit den entsprechenden Wellblech-Orten. Im Tal selber passiere ich einige schöne Bergseen. Oben auf dem Pass müsste ich nur die Bremsen loslassen und waere dann 130km und 4843m tiefer in Lima! Das lasse ich aber sein und fahre wieder Richtung La Oroya. Ich komme wieder auf ein Altiplano und fahre 100km lang durch die Puna-Landschaft wiederum vorbei an vielen Minen. Nach Cerro de Pasco stürzt die Strasse dann 2400m runter nach Huanuco. Hier wachsen wieder Yucas, Ananas, Papayas und exotische Blumen.

20-09-2002 Puya Raimondii

Puya Raimondii, Blume die bis 10m hoch werden kann

Als ob eine 2000Hm Steigung auf 60km nicht Herausforderung genug wäre... Genau an dem Tag, als ich wieder auf die Piste gehe, beginnt es zu regnen. Stundenlang fahre ich im strömenden Regen den Pass hoch. Die Piste gleicht oft eher einem Wildbach. Dann aber bessert das Wetter. Ich fahre an vielen kleinen Orten vorbei, durch Täler und Schluchten. Doch der Höhepunkt folgt zum Schluss: Über den Punta Huarapasca (4800m) komme ich ich quasi durch die Hintertüre in die Cordillera Blanca. Ich zelte fast auf dem Pass auf 4700m, genau unterhalb eines Eis-gepanzerten Gipfels. Welch grandiose Rundsicht! Bei der Abfahrt, fahre ich durch einen ganzen Wald aus Puya Raimondii. Das ist eine gigantische Blume (!), welche 100 Jahre alt wird und deren Blüte bis zu 10m hoch werden kann! Dann erreiche ich Huaraz, das Zentrum der Cordillera Blanca inmitten der genialen Berggipfel.

24-09-2002 Nevado Pisco

Nomen est Omen: Pirámide, 5885m

Einfach hier bei der Cordillera Blaca vorbeifahren konnte ich nicht. Also habe ich einen Bergführer engagiert und zusammen ziehen wir los Richtung Nevado Pisco. Am ersten Tag fahren wir mit Bussen zur Laguna Llunganuco. Von hier geht's zu Fuss los. Nach 3 Stunden Marsch stellen wir unser Zelt unterhalb der Moräne auf. Heute ist das Wetter noch nicht so toll. Dauernd verdecken Wolken die spektakulären Gipfel. Fuer einmal muss mein kleines Zelt Platz fuer 2 bieten. Doch die Nacht ist nicht lang. Um 3:00 brechen wir auf. Im perfekten Vollmond-Licht finden wir den Weg gut durch das Moränen-Labyrinth und brauchen nicht mal unsere Stirnlampen. Auf 5000m erreichen wir den Gletscher. Wir seilen uns an und ziehen unsere Steigeisen an. Allmählich wird es hell. Was fuer ein Tag - es ist absolut wolkenlos! Der perfekte Gipfel-Tag. Die Morgensonne taucht die umliegenden Berge in die tollsten Farben. Es ist eine abwechslungsreiche, relativ einfache Gletscher-Tour. Kurz vor dem Gipfel müssen wir noch einige riesige Spalten umgehen. Bereits um 7:00 sind wir auf dem Gipfel des Nevado Pisco (5752m). Die Aussicht ist grandios: Huandoy, Huascaran, Chacaraju, Caraz und wie sie alle heissen sehen genial aus. Eigentlich hatte ich ja meinen Führer fuer 3 Tage gebucht. Am zweiten Tag stehen wir aber schon um 11:00 wieder unten ander Strasse...

28-09-2002 Circuito Cordillera Blanca

Wieder auf dem Velo: Paso Huachococha, 4350m

Auf einer Schleife fahre ich während 5 Tagen rund um die Cordillera Balanca. Den ersten Pass überquere ich in einem 500m langen stockdunklen Tunnel. In Chavin besuche ich die Ruinen der Chavin Kultur (800 BC). Von aussen kann man nur noch erahnen, wie die Tempel ausgesehen haben mögen. Faszinierend sind aber vor allem die zugänglichen Tunnels und Gewölbe im Inneren der Strukturen. Über schlechte Strassen, fahre ich danach durch schöne Täler und hübsche Dörfer. Auf dem Paso Huachococha werde ich wieder einmal eingeschneit über Nacht. Der grosse Bergsee, dem ich am Morgen danach entlangfahre, sieht in der verschneiten Landschaft noch toller aus. Zurück zum Haupttal soll es über den Punta Olimpica gehen. Es soll das 'Finale Grande' der Cord. Blanca werden...

29-09-2002 Punta Olimpica

Im Schneesturm über den Punta Olímpica, 4890m

Am ersten Tag fahre ich bis auf 4100m. Mehr schlecht als recht stelle ich das Zelt am steilen Hang auf. Die Sicht Richtung Pass hoch, verschlägt mir jetzt schon den Atem: Vor mir liegt die 2000m hohe Eiswand des Nev. Contrahierbas (6036m). In der Nacht donnert immer wieder Eis den Gletscher runter. Am nächsten Morgen ahne ich schon, was mir bevorsteht: es regnet als ich aufstehe! Ich packe meine 7 Sachen und starte. Ich bin genau in den Wolken drin. Aus diesen kommt leichter Nieselregen. Selten sehe ich mehr als 100m. Schon Gestern war die Piste steil und schwierig. Das hat sich nicht geändert. Nach 200m geht der Regen in Schneefall über. Ein Pickup kommt mir entgegen. Aus dem Fenster ruft der Fahrer: "nieve, hay mucho nieve al paso!" Oje, doch was soll ich machen, umkehren bringt nichts. In vielen, vielen Kehren schraubt sich die Strasse allmählich höher. Ab und zu lichteten sich die Wolken kurz. Ich sehe einen grossen türkisfarbenen Gletschersee. Auf den letzten 300Hm wird die Piste immer schlechter. Besonders in den Kehren ist es oft furchtbar steil und der Belag gleicht einem Steinbruch. In jeder Kehre braucht es einen unglaublichen Kraftakt, das 40Kg-Velo hochzuwuchten. Dann ringe ich jeweils lange um Atem, bis zur nächste Kehre... Dann sehe ich im Schneetreiben oben die Passhöhe, eingeklemmt zwischen 2 steilen Felswänden auf 4890m. Tränen rinnen über meine Backen: Erschöpfung und Freude gleichzeitig. Es hat ca. 15cm Schnee auf der Fahrbahn. Doch auf der anderen Seite klart das Wetter auf. Was fuer ein Pass! Es ist schlicht die einzige Stelle dieses Bergrückens, wo es keinen Gletscher hat! Als ich in den vielen Kehren ins andere Tal runter fahre, kommt vor mir der Nev. Huascaran (4768m) in Sicht. In den letzten paar Stunden habe ich mich schon auch ein paar mal gefragt, was das soll/ wieso tue ich das. Der Anblick dieses Berges, der in seiner vollen majestätischen Grösse vor mir in den Himmel ragt, beantwortet aber alle diese Fragen...