Seerosen auf dem Dal See in Srinagar

"Connaught Place", ruft mir der Fahrer zu. "Hier musst Du raus". Ich packe Rad und Gepäck, klettere aus dem Bus und stehe auf der Strasse. Vor einer Stunde bin ich in Neu Dehli mit dem Flugzeug gelandet und dann mit einem Bus ins Zentrum der Stadt gefahren. Ein grösserer Kontrast ist einfach nicht mehr möglich: Vor einigen Stunden noch in Europa gestartet, bin ich plötzlich mitten drinn in Dehli. Der Verkehr ist total chaotisch und lebensgefährlich. Ich habe keine Ahnung wohin ich fahren soll, Strassen sind keine angeschrieben. Rischkas und Motor Rischkas überholen mich links und rechts. Kühe liegen mitten auf der Strasse. Busse hupen sich rücksichtslos den Weg frei. Auf der anderen Strassenseite kommen mir zwei Elefanten entgegen.

 

In der Vorfreude auf die einsame, ruhige Bergewelt in Ladakh gestartet, werde ich brutal aus meinen Träumen herausgerissen: Ich bin in der Radfahrer-Hölle gelandet. Nur weg hier. Eigentlich wollte ich ja von Manali aus Richtung Ladakh starten. Doch dort soll die Strasse gerade eben von einem Erdrutsch verschüttet worden sein. Ich erkundige mich über die Lage in Srinagar. Nach Meinung der Kashmiris die ich Fage, sei das momenan kein Problem dorthin zu gehen. Ein etwas ungutes Gefühl habe ich allerdings schon, als ich dann dort in allen Ecken das Militär hinter Sandsäcken verschanzt sehe. Die Lage scheint zwar ruhig zu sein, aber es bleibt das ungute Gefühl, dauernd in geladene Gewehrläufe zu sehen. Auf dem Dal-See stehen die vielen Hausboote unbewohnt. Nur eine handvoll Touristen haben sich dieser Tage hierher verirrt. Auch ich bleibe nicht lange. Die Sicht der ersten Bergketten des Himalaya treibt mich voran.

Kashmirische Nomadenfamilie

Nach dem ersten Tag habe ich die vielen Militär Sperren entlang der Strasse hinter mir. Der Zoji La ist das erste Hindernis auf dem Weg nach Ladakh. Er wird seinem Ruf als einer der gefährlichsten Pässe gerecht. In der Nacht vorher hatte es ausgiebig geregnet. Geschlagene 5 Stunden muss ich unten am Pass warten ehe ich hinauffahren darf. Weiter oben höre ich die Detonationen. Man ist gerade dabei die Strecke freizusprengen. . . Mitten drin dann das totale Chaos. Lastwagen bleiben reihenweise stecken und müssen aus dem Dreck gezogen werden. Ein Bus liegt schon seit 24Std mit Defekt am Strassenrand. Um kein Geld würde ich mein Rad tauschen.

 

Auf der anderen Seite des Passes ist es schon bedeutend karger. Es hat viele Nomaden mit ihren riesigen Tierherden hier. Von einigen werde ich am nächsten Morgen zum Frühstück ins Zelt eingeladen. Hier mache ich meine erste Bekanntschaft mit dem Buttertee. Ein grässliches Gesöff aus Tee, Salz und Butter mit dem ich mich auch in den nächsten Wochen nie anfreunden kann.

 

In Kargil zweige ich ab Richtung Zanskar, obwohl man mir das dort noch ausreden will. Ein Erdrutsch soll schon seit mehreren Tagen die Strasse blockieren. Am Nachmittag erreiche ich die Stelle. Vor mir haben sich ein paar Busse und einige Jeeps angestaut. Ich fahre nach vorne um zu sehen was los ist. Ein Erdrutsch hat die nächsten 200m der Strasse unpassierbar gemacht. Falls es noch Argumente für das Rad als ideales Reisemittel braucht, so sind es diese Momente. Ich geniesse den Augenblick ungemein als ich an der ratlos diskutierenden Menge vorbei mein Rad über den Erdrutsch schiebe und dahinter weiterfahre. Der schönste Nebeneffekt an der Sache ist allerdings, dass ich danach für 2 Tage die Strasse für mich alleine habe. In der Mittagssonne vergehe ich fast vor Hitze. Seit Stunden ist schon kein Schattenplatz mehr aufgetaucht in der engen Schlucht. Zur Not verkrieche ich mich regelrecht in ein Loch hinein um den Sonnenstrahlen wenigstens für ein paar Minuten zu entfliehen. Die Piste ist sehr kräfteraubend, ich kommen nur sehr langsam voran. Doch eigentlich ist das ein Glücksfall. Wie oft habe ich die tollen Bilder der Eisriesen des Himalaya zu Hause bestaunt und nun fahre ich mitten hindurch. Ich kann mich gar nicht satt sehen daran.

Penzi La 4401m

Ich fahre am Fusse der beiden 7000er Kun und Nun vorbei, mache Pause bei einem 20m hohen Gletscherabbruch der gleich neben der Strasse ist und habe eine phantastische Aussicht auf den riesigen Arm des Durung Durung Gletschers. Auf einer kargen Hochebene grasen vereinzelt Pferde, Yaks und Schafe. Einige Körten und Gebetsfahen zeigen an, dass ich soeben die Religionsgrenze überschritten habe. Von nun an bestimmt der Buddhismus das Leben in den kleinen Orten. Von einer Familie werde ich ins Haus zum Chai eingeladen. Dort beobachte ich wie die Frau Butter von Hand knetet und Gemüse zum Aufbewahren für den Winter vorbereitet. Als ich nach 3 Tagen den Penzi La, mit 4400m den höchsten Punkt auf der Strecke, erreicht habe, freue ich mich schon auf die Abfahrt nach Padum. Doch damit wird nichts. In einem scheinbar endlosen Gerüttel geht es im Schrittempo auf der holprigen Piste herunter. Das zerrt an den Nerven und nach 10 Std. und gerade mal 80km spüre ich jeden einzelnen Knochen. Erschöpft mache ich eine Pause in einem kleinen Dorf. Ich kann kaum noch sitzen auf dem Sattel. Ein Mann kommt vom nahen Feld herbeigeeilt und fragt mich, wohin ich denn gehe. "Keinen Meter weiter !" antworte ich. Ich solle doch unbedingt zu ihm nach Hause kommen. Gerne nehme ich an, auch wenn ich nach solchen Tagen oft lieber alleine bin. Gast sein, kann manchmal recht anstrengend sein. Doch es sind jedes mal unvergessliche Momente die ich bei solchen Übernachtungen erleben darf. Ich möchte mich endlich mal wieder waschen, nach den 4 Tagen auf der staubigen Piste. Als ich danach frage zeigt man mir den Bach gleich hinter dem Dorf. Wie ich damit beginne, mich und meine Kleider dort zu waschen, habe ich bald eine grosse Zuschauerkulisse vom Dorf um mich herum versammelt, die den komischen Fremden belustigt mustert.

Mönche im Kloster Karhsa bei kneten von Tsampa

Von Padum aus besuche ich einige Kloster in der Umgebung. Alle liegen sie an spektakulären Orten. Besonders Khaba. wie ein Adlerhort kleben die Gebäude im steilen Felsen. Im Klosterhof sind etwa 10 Mönche damit beschäftigt, Teig zu kleinen Kügelchen zu verarbeiten. Ich setze mich zu Ihnen hin und beobachte, was sie tun. Einer spricht ein paar Brocken Englisch. Er erklärt mir, dass das Tsampa, geröstetes Gerstenmehl, ist. Um mit ihnen in Kontakt zu kommen, zeige ich ihnen ein Bild ihres Klosters in meinem Buch. Alle sind begeistert und versammeln sich um mich herum. Das Buch ist die grosse Attraktion. Ich muss es ganz langsam durchblättern und bei jedem Bild eines Klosters, das sie kennen freuen sie sich. Speziell gefallen ihnen die Buddha Bilder. Ich soll ihnen jeweils den darunter stehenden Name vorlesen. Darauf brechen jeweils alle in Gelächter aus, weil ich sie so falsch ausspreche. Am nächsten Tag soll im 10km entfernten Kloster ein Fest stattfinden. Ich begebe mich zu den vielen Leuten, die am Strassenrand auf den versprochenen Lastwagen warten, der sie dorthin bringen soll. Nach einiger Warterei taucht dann tatsächlich einer auf. Allerdings ist es ein offener Lader ! Innert kürzester Zeit ist er gestossen voll mit Leuten. 70 Personen befinden sich mehr übereinander gestapelt, als stehend auf dem Laster! Dann kommt doch tatsächlich noch einer und klettert im wahrsten Sinne über alle hinweg, um jedem 5 Rupien abzuknöpfen. . . Aus der ganzen Umgebung sind die Leute zusammengekommen, um während 2 Tagen bei diesem Tempelfest zu sein. Mönche in ihren prächtigen farbigen Gewändern führen Maskentänze auf und spielen dazu auf ihren Instrumenten. Es ist ein faszinierendes Schauspiel. Mit bem Bus gelange ich wieder zurück nach Kargil. Lamayru ist das nächste Kloster, dass am Weg liegt. Inmitten einer eigenartigen Mondlandschaft ist es herrlich gelegen. In vielen Serpentinen stürzt die Strasse danach zum Indus runter. Ihm entlang geht es jetzt Richtung Leh. Dort werde ich schon ein wenig aus meinen Träumen gerissen, als ich plötzlich wieder all die vielen Touristen sehe, die diesen Ort bevölkern.

Khardung La

Khardung La. Dieser Name hatte sich in den letzten Jahren in meinem Kopf festgesetzt. Schuld daran war eine kleine Bemerkung in einem Indien Reisebuch, wo er als der höchste befahrbare Pass der Welt erwähnt wurde. Doch wo immer ich etwas über diesen Pass lesen konnte, war nebenbei noch bemerkt, dass er sich in Militärischem Sperrgebiet befand. Ich rechnete mir keine grossen Chancen aus, da hoch zu kommen, wollte es aber auf jeden Fall probieren. Auf der Fahrt nach Leh haben sich die Gerüchte verdichtet, dass man neu jetzt in diese Gebiete reisen dürfe. Ich kann kaum warten zu erfahren, ob das wirklich stimmt. Tatsächlich ist es seit diesem Jahr möglich eine Bewilligung zu erhalten, um während 7 Tagen ins hinter dem Pass gelegene Nubra-valley zu Reisen. Mit zwei Deutschen die ich in Leh treffe starte ich kurz darauf Richtung Norden.

 

Es sind zwar nur etwa 40 Km von Leh auf den Pass, doch diese haben es in sich. Auf etwa der halben Höhe befindet sich ein Armee Checkpoint. Von hier weg ist Schluss mit dem Asphalt. Vor mir tut sich ein riesiger steiler Geröllhang auf. Schon von ganz unten kann ich weit oben einen dünnen Strich erkennen. Mir verschlägt es fast die Sprache. Das ist die Strasse, da hoch muss ich. Zum Glück sind die Motoren der indischen Lastwagen auch nicht sehr stark. So ist die Strasse denn nie allzu steil, sie führt im Gegenteil in vielen weiten Kehren langsam in die Höhe. Auf ca. 5000 m stellen wir unsere Zelte auf. Ich staune selbst wie gut ich schlafe in dieser Höhe. Die langsame Angewöhnung an die Höhe hat sich bezahlt gemacht.

 

Am nächsten Morgen kann ich es kaum erwarten loszufahren. Die Vorfreude ist riesig. Wie lange hatte ich davon geträumt über diesen Pass zu fahren und nun bin ich so kurz davor. Am liebsten möchte ich gleich lossprinten. Doch ich muss mich bremsen in meiner Euphorie. Die dünne Luft lässt es ganz einfach gar nicht zu. Schon bei kleinen Anstrengungen gerate ich ausser Atem. Ich versuche einen regelmässigen Rhythmus zu finden. Doch bei der oft schwierigen Piste ist das nicht immer einfach. Besonders die vielen kleinen Bäche die die Strasse kreuzen werfen mich immer wieder aus dem Tritt. Mehrmals glaube ich hinter der nächsten Ecke die Passhöhe zu erreichen, bis dann der grosse Schriftzug keine Zweifel mehr offen lässt: "Khardung La, world's highest motorable road'. 5606 m.ü.M. Ich freue mich wie ein kleines Kind. Die paar Soldaten die daneben stehen schauen mich verdutzt an. Sie verstehen mich nicht, wie sollten sie auch.

 

Von nun an ist es eine Fahrt ins Unbekannte. Meine Karte ist hier zu Ende. Dass einzige was wir wissen, ist der Name des Ortes bis wohin wir fahren dürfen. In der Nordseite des Passes hat es noch einige grosse Schneefelder, die bis zur Strasse reichen. Die Fahrt hinunter ins Nubra valley ist Genuss pur. Auf ca. 50km fällt die Strasse 2600m ab. Die lange Schussfahrt wird nur durch die vielen Fotostops und einige Kontrollposten unterbrochen.

 

Im ersten Ort im Tal halten wir bei einem kleinen Haus, wo wir per Zufall ein 'Hotel'-Schild entdecken. Der Besitzer sieht uns ganz entsetzt an, als wir nach einem Zimmer fragen. Dann stellen wir unser Zelt halt im Hof auf. Auf der letzten Etappe zum nördlichsten für Touristen erreichbaren Punkt Indiens machen wir Bekanntschaft mit der bisher schlimmsten Strasse. 5 Stunden quälen wir uns auf der 25km langen Bachbett-artigen Piste ab. Da die verbleibende Zeit für unser Permit nicht ausreicht, um über den Pass zurück zu fahren, nehmen wir diesmal den Bus. Nachdem ich mich in Leh wieder gut erholt habe, breche ich einige Tage später wieder auf Richtung Manali.

Kloster Thikse

Nach einigen Klosterbesuchen im Haupttal, geht es schon bald wieder in die Berge. Am Nachmittag verdunkeln sich die Wolken. Am Fusse eines Passes stelle ich mein Zelt auf. Gerade noch rechtzeitig kann ich mich hineinretten, ehe es zu Regen beginnt. Für die nächsten 12 Std. bin ich regelrecht ans Zelt gefesselt. Es schüttet ununterbrochen. Statistisch soll es in Ladakh etwa gleich viel regnen wie in der Sahara - Statistisch. In dieser einen Nacht regnet es genug für das ganze nächste Jahr. Ich komme mir unendlich klein und schwach vor, in meinem kleinen Zelt inmitten dieser Bergriesen. Was, wenn der Sturm das Zelt jetzt wegweht? Mitten in der Nacht gehe ich in die Kälte raus und baue mir aus Steinen einen Windschutz um das Zelt. Am nächsten Morgen ist der Spuck vorbei. Es scheint, als ob die Natur nur einmal ihre Macht demonstrieren wollte. alles ist wieder friedlich. Vor mir liegt der Taglang La. Ein 5320 m hoher Pass. Ob es in der Nacht wohl oben geschneit hat? Langsam kurble ich die vielen Kehren hinauf. Dann wird die Sicht zum Pass hoch frei. Für einen Moment bleibe ich sprachlos stehen. Die letzten Kehren der Passstrasse und die umliegenden Berge sind verschneit und glitzern im Sonnenlicht. So schön das aussieht, sie schlecht ist dadurch die Piste geworden. Der Dreck ist durch den Schneefall aufgeweicht worden. Oft muss ich das Rad durch tiefen Morast schieben. Den beiden Lastwagen die am Morgen mit mir gestartet sind geht es nicht besser. Immer wieder müssen sie anhalten und ihre überhitzten Motoren abkühlen lassen. In der letzten Kehre bleiben sie dann definitiv stecken im tiefen Morast. Sie müssen hier warten, bis der Boden wieder etwas trocknet. Auch bei mir hat sich der Schlamm festgesetzt, die Räder drehen kaum noch. Die letzten Meter muss ich das Rad fast rauftragen.

 

Auf der Abfahrt ins nächste Hochtal bilden die frisch verschneiten Berggipfel eine herrliche Kulisse. Während 90km soll es kein Wasser haben, bin ich vor dem Pass gewarnt worden. Also hatte ich vorsorglich meinen Wassersack bis zum Rand gefüllt und über den Pass gekarrt. Wegen des Schneefalls ist jetzt alle paar hundert Meter die Piste vom Schmelzwasser regelrecht überschwemmt. Lieber so, als umgekehrt. Kaum ist die Strasse wieder am Fluss unten, geht es zum nächsten 5000er Pass hoch. Ich bin ja nun mittlerweile schon einige Wochen unterwegs und habe geglaubt inzwischen bald alle möglichen Strassenführungen über Pässe zu kennen. Doch auch dieser hier ist speziell, einzigartig. In der engen Schlucht ragen die Felswände zu beiden Seiten mehrere hundert Meter senkrecht hoch. Einen Bach kann ich nur durch einzelnes Rüber tragen meiner Gepäckstücke durchs eisige Wasser überqueren. Die Passhöhe sehe ich schon von weitem. Wie immer ist auch dieser Ort gekennzeichnet durch einen grossen Haufen aufeinander geschichteter Steine und vielen Gebetsfahen die darüber wehen.

Kloster in Kaza

Für mehrere Tage geht das noch so weiter. Pass auf, Pass ab, von einem Tal ins nächste. Die Gegend ist ausnahmslos sehr trocken. Es wächst kaum etwas hier oben. Ab und zu hat es einzelne Teezelte an der Strasse. Doch die einheitlich eintönige Mahlzeit bestehend aus Dal und Reis, die sie vor allem den Lastwagenfahrern die auf dieser Strecke unterwegs sind anbieten, bietet nicht viel mehr Abwechslung als meine eigene Küche. Einige Male treffe ich auf eine Strassenbau-Trupp. Wenn ich bergauf durch eine solche Baustelle fahren muss, glaube ich jeweils im schwarzen Teer-Rauch fast zu ersticken. Doch was für mich nur eine kurze Sache ist, ist für die Strassenbauarbeiter Alltag. Eine unglaublich harte Arbeit, die sie hier verrichten. Während den wenigen Sommermonaten leben sie permanent auf dieser Höhe in einfachsten Zelten. Tagsüber stehen sie fast dauernd im schwarzen Rauch der Teer-Feuer, die während vielleicht hundert Meter überall entlang der Strasse brennen. In ihren vom Teer komplett schwarz bedeckten Kleidern sehen die Männer fast etwas unheimlich aus. Als ich an Ihnen vorbeifahre rufen sie mir aber freudig zu und feuern mich an.

 

Während über einer Woche komme überhaupt nie unter 4000 m. Nach dem ... fällt die Strasse aber weiter ab. Erstes zaghaftes Grün taucht auf. Seit langem komme ich wieder in ein besiedeltes Tal. In den Läden gibt es wieder Bananen und andere Früchte. Ein erster kleiner Wald zeigt an, dass mich nur noch eine Gebirgskette vom Flachland trennt. Bevor ich diese jedoch überquere, mache ich noch einen Abstecher ins Spiti valley. Über den Kunzum La gelange ich dabin. Der Fahrbelag einer Piste lässt sich meistens ganz einfach aus der Bodenbeschaffenheit der Umgebung herleiten. Die grossen Täler auf dem Weg zum Kunzum La sind ausnahmslos riesige Geröllfelder. Zum entsprechenden Gerüttelt wird denn auch die Fahrt dahin. Doch ich werde noch einmal belohnt durch eine grandiose Landschaft.

 

Nach Stundenlanger Fahrt im Schritttempo lasse ich es auf einem, wie mir scheint, etwas besseren Streckenabschnitt, für einmal etwas schneller rollen. Prompt gerate ich in ein tiefes Schlagloch. Eine Vorderradtasche macht sich selbständig und blockiert sofort das Vorderrad. Im hohen Bogen fliege ich über den Lenker auf die staubige Piste. Ausser einer grossen Schramme hat es mir zum Glück nichts gemacht. Doch ich wage kaum daran zu denken, was passiert wäre, hätte sich dieser Sturz nicht hier in der Ebene, sondern auf einer der steilen Passabfahrten ereignet. Leider muss ich danach feststellen, dass mein Stahl-Lowrider auf einer Seite glatt gebrochen ist. Für den Rest des Tages fahre ich also nur noch mit einer Vorderradtasche. Die andere binde ich hinten drauf. Der daraus resultierende Linksdrall vereinfacht die Fahrt nicht gerade. Mit viel Draht und Klebeband kann ich am Abend den Lowrider noch einmal so weit bandagieren, dass er für die restlichen Tage noch einmal hält.

Rothang Pass 3978m

Für die Rückfahrt aus dem Spiti valley nehme ich den Bus. Morgens um 5 versammelt sich eine immer grössere Menschenmenge vor dem noch verschlossenen Bus. Inzwischen weiss ich, dass die Inder beim Anstehen nichts kennen und absolut rücksichtslos vordrängeln. Ich passe mich also an, besonders als ich sehe, dass es bald mehr Leute vor, als Sitzplätze im Bus hat. Dann schliesst der Fahrer, der im Bus übernachtet hat die Türen auf. Wie wilde Tiere stürzen die Leute hinein. Ich bin auch nicht gerade zimperlich. Trotzdem stehe ich kurz danach als einziger im Gang herum, der immer noch keinen Platz hat. Sogar alte Leute und einer mit Krücken haben sich vor mir einen Platz ergattert. Dann erbarmt sich dann aber doch noch einer mir und bietet mir einen Platz an, indem er etwas zur Seite rutscht. Die folgenden 8 Stunden Fahrt über ruppige Piste sind auch so schon anstrengend genug.

 

Etwa eine Stunde nach dem Start, als ich noch im Halbschlaf aus dem Fenster sehe kriege ich fast eine Herzstillstand. Vorne recht hängt doch tatsächlich das Hinterrad meines Rades bis auf die Höhe des Fensters runter. Kurz darauf fahren wir auf dem Weg in eine Schlucht an einer steilen Felswand vorbei. Mehrere Male touchiert das Rad den Felsen. Ich glaube es fällt jetzt dann jeden Moment den steilen Hang runter. Beim nächsten Halt stürze ich gleich aus dem Bus und sehe, dass das Rad nur noch an der Kurbel hängend sich am Dachträger hält. Nun wird es aber ordentlich angekettet.

 

Der Rothang Pass ist der letzte Pass auf dem Weg ins Flachland. Er bildet eine extreme Klimascheide. Genau auf der Passhöhe beginnen die Wolken. Die Sicht nach Süden ist nicht sehr einladend. Dicker Nebel hängt im Tal unten. Ich bleibe lange Oben. Geniesse noch einen letzten Blick zurück zu den gletscherbedeckten 6000ern.

 

Die Ankunft in Manali wird für mich fast zu einem Schock. Ich bin wieder im richtigen Indien. Menschenmassen, wohin man sieht. Auf den Strassen ist ein heilloses Durcheinander von allen möglichen Fahrzeugen unterwegs. Es wird gehopt, gedrängelt und geschrien. Ich habe etwas Mühe, mich wieder daran zu gewöhnen. Während fast 2 Monaten war ich jetzt unterwegs, oft alleine. Die kleinen Orte entlang meines Weges waren immer sehr ruhig und friedlich. Hektik kannten die Menschen dort nicht.

Delhi

Ein paar Tage später treffe ich mit dem Bus wieder in Delhi ein. Die Stadtbusse sind alle hoffnungslos überfüllt. Ich habe keine Chance mit meinem Rad mitgenommen zu werden. Also nehme ich mir halt eine Motor-Rishka um ins Zentrum zu gelangen. Ich habe zwar meine Zweifel daran, ob ich und das Rad überhaupt Platz darin haben. Doch die plötzlich anwesende Menschentraube ist einstimmig überzeugt, dass das schon geht. Mit vereinten Kräften reissen alle am Rad um es in die Rishka einzuladen. 'No problem mister, no problem !!' meint der Fahrer, reisst mit voller Kraft am ohnehin schon lädierten Lowrider und hällt diesen kurz darauf grinsend in der Hand. Irgendwie hat dann doch alles mit mir Platz und wir fahren los. Der Fahrer scheint von der hartnäckigen Sorte zu sein. Er will mich partout nicht zum von mir verlangten Hotel, sondern zu einem seiner Wahl, mit vermutlich garantierter Provision für ihn, bringen. Als er kurz darauf auch noch einen Geld-Vorschuss will, weil er dringend tanken muss, platzt mir der Kragen. Kurzerhand steige ich aus, nehme Gepäck und Rad und fahre einfach los. Im Rückspiegel sehe ich noch das verdutzte Gesicht meines Fahrers. Das hatte er wohl kaum erwartet. Natürlich habe ich nicht die geringste Ahnung wo ich bin. Etwa eine halbe Stunde irre ich einfach umher. Doch dann, ich kann es selbst kaum glauben, erkenne ich plötzlich ein paar Gebäude wieder und weiss wieder wo ich bin. Mit der Zeit macht mir das Radfahren in diesem totalen Chaos sogar richtig Spass. Nach Rotlichtern sprinte ich mit Rishka- und Motorradfahrern um die Wette, kurve um überfüllte Busse und Ochsenkarren. So fahre ich kreuz und quer durch Delhi. Radfahren in der Hölle macht doch Spass!

 

Nachtrag:

Dieser Reisebericht ist unmittelbar nach der Reise entstanden (1994). Natürlich weiss ich in der Zwischenzeit auch, dass der Khardung La weder 5600m hoch ist (ca. 5360m) noch ist es der höchte befahrbare Pass. Ich habe den Reisebericht desswegen aber nicht später angepasst.