Oje, ich hab es geahnt. Als das Flugzeug in Islamabad landet, ist es schon stockdunkel. Ich habe natürlich kein Licht am Velo. Die 10 km Fahrt ins Zentrum werden zu einer Achterbahnfahrt für alle Sinne: Neue Gerüche, Gestänke, Geräusche. Ein heilloses Durcheinander herrscht auf und neben den Strassen. Beim erstbesten Hotel-Schild steige ich ab. Am nächsten Morgen muss ich erst einmal herausfinden wo ich überhaupt bin.

 

3 Tage später verlasse ich Islamabad. Das Klima macht mir zum Anfang noch arg zu schaffen. Es ist über 40°C heiss und extrem feucht. In Haripur beginnt offiziell der Karakhorum Highway (KKH). Ich freue mich, dass es in die Berge geht, raus aus dieser Waschküche. Bereits am dritten Tag darf ich die Gastfreundschaft der Pakistani geniessen. Ich werde spontan zum Nachtessen eingeladen. Nicht aber bevor ich zuerst im ganzen Dorf herumgezeigt wurde.

 

Bereits nach wenigen Tagen lockt mich der Anblick des 4150m hohen Babusar Pass auf meiner Karte weg vom KKH. Die Überquerung gipfelt schlussendlich in einem kleinen Drama. Alles scheint sich gegen mich verschworen zu haben: Kinderbanden verfolgen mich und klauen mir buchstäblich alles vom Velo, dass nicht Niet- und Nagelfest ist, in einer unglaublichen Plackerei schiebe ich das 40kg-Rad die zum Schluss absolut unfahrbarr Piste hoch und zu guter Letzt bricht noch ein fürchterlicher Schneesturm herein, bei dem ich das Velo stehenlasse und mich vor den nahen Blitzen verstecken muss. Völlig durchnässt und unterkühlt zelte ich auf einer flachen Stelle hinter dem Pass. Als ich am nächsten Tag nach 50km runterholperen wieder den KKH erreiche, wo es 40°C heiss ist, glaube ich, dass das alles nur ein Spuck war!

 

Nun bin ich hinter der ersten grossen Bergkette. Hier herrscht ein völlig anders Klima. Der KKH folgt hier dem Indus entlang durch eine felsige, enge Schlucht, die tagsüber aufgeheizt wird, wie ein Backofen. Bei einem Abstecher nach Baltistan lasse ich das Velo 2 Wochen stehen und gehe trekken. Auf tollen Wanderungen kann ich die Eisriesen hier bestaunen: K2, Nanga Parbat, Gasherbrum, Masherbrum...unglaubliche Berge.

 

Eigentlich wollte ich mit dem Bus zurück zum KKH fahren. Doch nach 3 Tagen Regen ist die Strecke von Erdrutschen verschüttet - kein Bus fährt. Als mir die Warterei zu langweilig wird, beschliesse ich mit dem Velo zu fahren. 55 (!) grosse und unzählige kleine Erdrutsche zähle ich. Einige sind mehrere Meter hoch. Oft ist das komplette Trasse weggespült. Während mehrerer Tage sind Fussgänger und Velofahrer die einzigen die passieren können.

 

Der KKH ist geradezu gemacht zum Velofahren. Es hat kaum Verkehr und die Landschaft ist so spektakulär, dass die Tagesetappen nie lang sein können. In den Seitentälern gibt es viel zu entdecken. Speziell im Hunza-Tal. Rakaposhi, Mt. Diran, Ultar Peaks und andere tolle Berge lassen mich immer wieder die Fahrt unterbrechen und Wanderungen unternehmen. In Passu lasse ich das Velo gleich für eine Woche stehen um die Gegend entlang des Baltura-Gletschers zu entdecken.

 

Bei herrlichem Wetter und traumhafter Sicht erreiche ich den Kunjerab Pass und damit die Grenze. China - ich bin gespannt, was mich hier erwartet. Der landschaftliche Wechsel genau auf dem Pass ist frappant. Waren es im Karakorum noch die felsigen Schluchten, sind es nun im Pamir weite, vegetationslose Hochebenen. Am Kara Kul See schlage ich mein Zelt auf. Im Hintergrund der beeindruckende Mutzagh Ata (7550m) und am Ufer grasende Yaks und Kamele. Auch auf der Strasse kommen mir oft Kamel-Karawanen entgegen. Auf den weiten Ebenen hat es vereinzelt Kasachen in Yurten. Wenige Tage später erreiche ich Kashgar, eine grosse Oasenstadt. Höchste Zeit mal wieder für eine Dusche.

 

Auf dem Sonntagsmarkt treffen sich all die verschieden Minderheiten, die hier in dieser Gegend leben: Uyguren, Kasachen, Kirghizen, Tadjiken... ein faszinierendes Durcheinander. Von Früchten, Gemüse über Kleider, Hüte bis hin zu Eseln und Kamelen ist alles erhältlich. An vielen Essständen gibt es unbekannte Köstlichkeiten auszuprobieren.

 

Die nächste Etappe sieht beeindruckend aus auf der Karte: Der Seidenstrasse folgend, geht es 2800km entlang der Taklamakan-Wüste bis Golmud. Der Wille, die gesammte Strecke zu Fahren, bricht am 4. Tag wortwörtlich, als sich mitten im Nichts laut krachend meine Hinterrad-Felge verabschiedet. Dazu kommt,dass ich mein China Visum in Tibet wohl kaum verlängern kann. Also besser die restliche Zeit dort verbringen, als hier auf dieser langweiligen Strecke.

 

In den nächsten Tagen fahre ich mit Bussen 1700 km nach Osten, vorbei an Turfan, mit -154m der zweit tiefste Ort der Welt. In Dunhuang fülle ich meine Vorräte wieder auf. Trockenfrüchte kaufe ich gleich kiloweise. Als ich von dort mit dem Velo starte, fahre ich an grossen, rot leuchtenden Sanddünen entlang. Schon bald aber erkenne ich am Horizont die ersten Berge: Tibet! Das erklärte Ziel dieser Reise. Seit ich vor 3 Jahren bei einer Reise durch Ladakh erstmals mit der Tibetischen Kultur & Landschaft in Kontakt gekommen bin, gab es für mich immer so etwas wie eine magische Anziehungskraft, die mich mit diesem Flecken Erde verband. Jetzt endlich bin ich so greifbar nahe dran. Doch kann ich überhaupt dorthin? Offiziell ist ja individuelles Reisen nicht erlaubt. Ich habe einige schlaflose Nächte vor Golmud, weil ich so nervös bin. Mit sehr viel Glück schleiche ich mich schliesslich am Checkpoint hinter Golmud vorbei und fahre danach noch einige Tage in ständiger Angst, von der Polizei gestoppt zu werden.

 

Am zweiten Tag nach Golmud überquere ich den 4850m hohen Kulun Shanku. Kurz davor kommt schlechtes Wetter auf. Einmal mehr überquere ich einen Pass im dichten Schneetreiben. Innert kürzester Zeit ist auch die Strasse schneebedeckt. Ich fahre während einer Viertelstunde durch 15cm tiefen Schneematsch. Nicht ohne Folgen: Das hochspritzende Wasser gefriert sofort am ganzen Rad! Es dauert nicht lange und ich kann nicht mehr fahren, weil Kabel, Ritzel, Wechsel, einfach alles eingefroren und mit einer dicken Eisschicht überzogen ist. Mit dem Messer muss ich es richtiggehend wegschlagen. Eigentlich wollte ich noch einige hundert Höhenmeter tiefer hinter dem Pass, doch nun geht es nicht mehr bergab! Ich befinde mich auf dem Tibetischen Plateau. Während den nächsten 1000km werde ich über 4500m bleiben! Ich fahre über unendlich scheinende Ebenen. Die Gegend ist völlig unbewohnt, nur ca. alle 100km sind kleine Orte. Zwischen den einzelnen Ebenen geht es über weite, langgezogene Hügel. Plötzlich bin ich auf über 5000m, ohne dass es ein ‘richtiger Pass’ wäre! Dann tauchen allmählich die ersten Yaks auf. Es hat jetzt öfters Nomaden, die mit ihren grossen Yak-, Schaf- und Ziegenherden über die weiten Ebenen ziehen. Es sind wunderschöne Bilder. Als es gerade mal wieder frisch geschneit hat, fahre ich durch eine richtige Winter-Märchen-Landschaft. Urige Yaks trotten durch den Schnee. Meist nicht weit davon unglaublich freundliche, nicht weniger urige Nomaden. Doch es ist kalt, schrecklich kalt. An einigen Tagen taut das Wasser in meinen Flaschen den ganzen Tag über nicht mehr auf. Nächte bei -20°C sind kein Problem mit einem guten Schlafsack. Doch am Morgen danach aufzustehen und meist noch bei Minus-Temperaturen loszufahren braucht viel Überwindung. Kleine Orte, wo ich einen warmen Teller Nudelsuppe kriege stellen die kulinarischen Höhepunkte dar, neben meiner eigenen Kaloriern- und Gewicht-optimierten Küche. Mehrere Male werde ich Nachts eingeschneit. Einmal ist der Sturm so stark, dass ich den feinen Schnee bald im ganzen Innenzelt habe. Am Morgen danach muss ich das Zelt fast ausgraben. Doch das Schlimmste kommt erst noch: Die Strasse ist komplett vereist! Zum Glück geht es gerade bergauf. Bis die Abfahrt beginnt, ist das Eis dann geschmolzen.

 

Der 5220m hohe Dang La ist der höchste Pass auf dem Weg nach Lhasa. Doch es ist nicht einfach ein Pass. Vielmehr bleibe ich während fast 100km auf über 5000m! Als mal wieder ein eisiger Gegenwind bläst, habe ich ernsthafte Angst um meine Zehen. Ich habe schon länger kein Gefühl mehr in ihnen. Ich sehne dem Beginn der Abfahrt entgegen. Nur runter, es ist so verdammt kalt!

 

Immer häufiger treffe ich jetzt auf einzelne Häuser. Bei einem dieser halte ich an, um nach Essen zu fragen und werde sofort eingeladen. Als die Leute erkennen, wieviel Hunger ich habe, machen sie sich einen richtigen Spass daraus, mich mit Kartoffeln, Momos (eine Art tibetische Ravioli) und Nudeln richtiggehend zu mästen. Schnell wird klar, dass ich heute nicht mehr weiter kann und die Nacht hier verbringen werde. Obwohl wir kein einziges Wort in einer gemeinsamen Sprache sprechen können, verstehen wir uns. Bis am Abend habe ich eine kleine Liste mit Wörtern und Sätzen auf Tibetisch zusammen. Das Aussprechen dieser erzeugt aber noch immer ein allgemeines Gelächter. Beim Abschied am nächsten Morgen legen sie mir einen weissen Schal (Katak) um den Hals. Er soll mir auf meiner weiteren Reise durch Tibet Glück bringen.

 

Nach 17 Tagen Fahrt erreiche ich Lhasa. Es ist ein ganz besonderer Moment, als ich auf dem grossen Platz vor dem Potala stehe. Die Chinesen haben zwar aus Lhasa schon fast eine Grossstadt gemacht, doch die Altstadt ist nach wie vor faszinierend. Pilger aus ganz Tibet kommen hierher um den wichtigsten Tempel Tibet’s, den Jokhang zu besuchen. Der grosse Platz davor ist voll von Pilgern in ihren jeweils lokalen, traditionellen Kleidern. Einige umrunden den Tempel, indem sie sich auf den Boden werfen, dann dort aufstehen, wo die Hände hinreichten, bevor sie sich wieder hinwerfen. Auf dem Markt gibt es alles, was Pilger brauchen: Gebetsfahnen, Gebetstrommeln, Tangkas, Schals, Ghee (Nachschub für die Butterlampen), Räucherstäbe... Während 10 Tagen ent-decke ich Lhasa und Umgebung. Dabei besuche ich vor allem viele Kloster. Diese faszinieren mich immer wieder von Neuem. Die Räume sind übervoll mit Statuen, Stupas, Wandmalereien und Tangkas. Meistens ist es Halbdunkel. Das wenige Licht kommt von den vielen Butterlampen. Diese werden von den Pilgern mit Ghee, das alle dabei haben, ständig aufgefüllt. Die Butterlampen verbreiten einen ganz besonderen Geruch, typisch für jedes Kloster. Unterstützt wird dieser von den vielen Räucherstäben, die überall brennen. Oft sitzt in einer Ecke ein einzelner Mönch, der kontinuierlich Gebete murmelt zum regelmässigen Trommelschlag. Das alles kreiert eine Ambience, die mich immer wieder fesselt. Dazu kommt, dass diese Orte wirklich lebendig sind. Pilger schauen sich wie ich die Kloster an. Die Mönche sind offen und freundlich, einige sprechen recht gut Englisch.

 

Als ich wieder Energie getankt und meine Taschen aufgefüllt habe, verlasse ich Lhasa. Nach Zhigatse gibt es verschiedene Strassen. Eine einfache, dem Brahmaputra entlang, wo es vermutlich wenig Polizeikontrollen hat und eine landschaftlich schönere, wo aber vermutlich mehr Kontrollen sind. Trotzdem ich kein Permit auftreiben kann, entscheide ich mich für die 2.Variante. Mehrere Checkpoints passiere ich im Limbo-Stil unter der Schranke hindurch, ohne gesehen zu werden. Erst kurz vor Zhigatse werde ich zum ersten Mal angehalten. Doch ich kann mich rausreden und kriege keine Busse aufgebrummt. Landschaftlich gehört die Strecke aber zum schönsten, was ich auf meiner Route sehe. Entlang dem Yamdrok Yutso, ein türkis-blau leuchtender See inmitten frisch verschneiter Berge, fahre ich durch eine Traumwelt. Ich treffe auf viele kleine vollkommen tibetische Dörfer. Hier siedeln sich keine Chinesen an - es ist zu hoch.

 

Der nächste Pass ist besonders spektakulär. Er führt genau zwischen zwei 7000ern hindurch. Auf der Fahrt zur Passhöhe scheinen sich die Strassenseiten einen Wettstreit um die bessere Sicht zu liefern. Abwechselnd tauchen links und rechts phantastische Berge auf. Schlussendlich stehe ich unterhalb einer 2000m hohen Eiswand - Sieg nach Punkten für Rechts. Wie üblich ist die Passhöhe mit unzähligen Gebetsfahnen geschmückt. Der Wind soll die darauf gedruckten Gebete in die Welt hinaus tragen. Einige sind völlig verblichen. Der Wind hat seine Arbeit verrichtet.

 

Vor allem in den grossen Orten haben die Chinesen die Tibeter schon stark verdrängt. In Gyantse hat es aber eine noch fast intakte Altstadt. Enge, verwinkelte Gässchen voll mit Esels-Karren und Yaks. Die typischen weissen Häuser mit den Gebetsfahnen und getrocknetem Yak-Mist auf dem Dach. Mitunter ist auch das Klima so, wie ich es erwartet hatte: trocken und kalt. Die Landschaft ist übergegangen in eine Art Hochgebirgswüste. Die Berge leuchten feuerrot. Doch es ist nicht mehr weit bis zur grossen Himalaya Kette. Ich kann Everest & Co schon in der Ferne erkennen. Eigentlich will ich zum Everest Base Camp hoch fahren. Doch nur etwa 50km vor dem Abzweiger geht plötzlich mein Freilauf kaputt. Wenn ich trete kommt das Hinterrad nicht mehr mit! Mit Draht fixiere ich die Ritzel am Hinterrad. Das ist recht mühsam zum Fahren, die Pedalen drehen sich nun immer mit. Bergab muss ich gleichzeitig pedalen und bremsen. Doch es sind nur noch 200km bis zur Grenze nach Nepal. Hält das Rad soweit? Zum Everest getraue ich mich so nicht mehr, statt dessen starte ich zum näheren Cho Oyu Base Camp. Die Piste dahin ist etwa so schlecht, wie die Sicht auf den 8000er grossartig ist. Doch auf 5000m ist es eisig kalt. Da kommen diese heissen Quelle gerade recht. Um einen natürlichen Pool hat man eine Art Herberge gebaut. Inmitten all der Tibeter bin ich natürlich die grosse Attraktion: Der hat ja Haare am ganzen Körper! Es ist eine tolle Stimmung. Rund um mich herum ca. 20 Leute. Alle mit vom rauhen Klima gezeichneten Gesichtern und dem allgegenwärtigen Lachen, das die Sprachschwierigkeiten vergessen lässt. Einer geht mit einem Kanister Chang (tibetisches Bier) herum und giesst allen ein. Ich muss natürlich auch probieren - schmeckt sehr gut. Neben dem Pool singt eine Gruppe Frauen pausenlos traditionelle Lieder. So geht das bis in den späten Abend hinein. Ich lasse mich richtig durchkochen im Wasser.

 

Der letzte Pass. Noch einmal geht es auf 5200m rauf. Rundherum bilden Shishanpangma und Dutzende anderer Schneeberge ein einmaliges Panorama - ein würdiges Finale! Es ist jedesmal ein spezieller Moment, nach anstrengender Fahrt einen Pass zu erreichen. Doch diesmal ist es der Abschied vom Tibetischen Plateau. Lange bleibe ich oben, geniesse die Aussicht und den Augenblick. Es ist einer jener Momente, die man einfrieren wollte für die Ewigkeit. Dann die Abfahrt. In einem Zug geht es von 5200m runter auf 700m! Der Wandel ist unglaublich. Innerhalb von 100km komme ich von den trockenen, vegetationslosen Hochebenen durch Tannenwälder und schliesslich in sub-tropische Täler mit Bananen-Bäumen! Bald scheint jeder Flecken Land bewohnt und alle Hänge terassiert zu sein. Eine neue Sprache, ein neues Volk - ich bin in Nepal. Voran ich zeitweise schon gar nicht mehr geglaubt habe, trifft dann doch ein: Mit meinem schwer angeschlagenen Velo treffe ich in Kathmandu ein. Es ist das erhoffte Schlaraffenland. Ich esse mich durch alle möglichen Küchen. Es ist auch bitter nötig: Ich habe in den letzten Monaten 11 kg verloren!