Bevor es los geht erst ein paar allgemeine Vorüberlegungen. 

Es gibt nicht einfach DAS Tourenvelo, welches für alle Touren optimal ist. Würde ich ein Velo bauen, mit dem ich eher kürzere Touren in der näheren Umgebung unternehmen will, sähe auch mein optimales Velo ganz anders aus. Ich baue mir also ein Velo mit dem ich ähnliche Touren machen kann wie ich das bisher gemacht habe. D.h. also konkret ich werde damit vorwiegend in abgelegenen Bergregionen unterwegs sein, oft auf Naturstrassen, vorwiegend in Lateinamerika & Asien. Das Velo das ich hier baue basiert auf meinen (guten & schlechten) Erfahrungen die ich die letzten 15 Jahre gemachte habe (nicht auf Sponsoring). Wenn es für mich das optimale Velo ist, heisst das noch lange nicht, dass es das für alle sein muss! Man kann überall andere (mindestens ebenso gute) Lösungen finden! An ein neues Tourenvelo baue ich nur ganz selten Sachen, die ich noch nie vorher ausprobiert habe. Dazu habe ich andere Velos. Nur was sich dort (und auf früheren Touren) bewährt hat kommt ans neue Rad.

Wer mein Tourenvelo sieht mag denken, dass ich nichts von 'modernen' Komponenten (Hydraulik und Scheibenbremsen, Nabenschaltung, Federung) halte. Dem ist aber überhaupt nicht so. An meinen anderen Velos findet man ebenfalls solche Dinge und ich möchte sie nicht mehr missen. An meinem Tourenvelo fehlen diese aber weitgehend, weil ich mir soweit es geht die Möglichkeit erhalten will, soviel wie möglich selber zu reparieren. Dass das möglich ist erlebte ich eindrücklich, als ich auf der letzten Tour das Velo nach dem Lastwagenunfall mit fast nur meinen eigenen Werkzeugen wieder fahrtüchtig hingekriegt hatte...

 

Mein Prinzip ist recht einfach:

Ich wähle bewährte, einfache und robuste Technik welche ich selber reparieren kann und wo ich Ersatzteile finde überall wo ich hin komme. 

Stahl oder Alu?

Ich persönlich bin der Meinung, dass ein gut verarbeiteter klassischer Stahlrahmen (Chrom Moly) langlebiger ist, als ein Alurahmen. Alurahmen sind insbesondere anfällig auf Schläge. Ein solcher 'Knick' im Rahmen kann oft nicht mehr repariert werden. Der Stahlrahmen ist hier viel weniger empfindlich, muss dafür besser gepflegt werden, da er sonst rostet. Das immer wieder gehörte Kriterium, dass man einen Stahlrahmen auch beim Dorfschmied in 'Hinter-Inden' noch reparieren kann, zählt für mich nur bedingt. Heutige Stahlrahmen sind so stark konifiziert, dass der Schweisser mindestens so viel Erfahrung haben muss, wie mit einem Alurahmen. Zudem habe ich schon Radler getroffen, die in Südamerika einen Mechaniker gefunden hatten, der ihren Alurahmen fachgerecht wieder instand stellte!

Geometrie

Welcher Rahmen soll's den nun sein? Zur Wahl stellen sich vor allem ein MTB-Rahmen und ein spezieller Tourenvelo-Rahmen.

Touren Rahmen
MTB Rahmen

Die beiden Rahmen unterscheiden sich schon optisch recht stark. Was sind die Unterschiede?

 

Tourenvelo:

  • Anlötteile für Gepäckträger und (viele) Trinkflaschen. Ich schaffe es, bei meinem Rad, zwei 1½ Liter Pet-Flaschen und ein 7dl Bidon IM Rahmen und die Benzinflasche unterhalb des Rahmens zu befestigen.
  • 26" Räder. Die Räder sind mit Abstand die empfindlichsten Teile am Rad. 26" Räder sind einfach stabiler. Mittlerweile gibt es Mountainbikes überall auf der Welt. Ersatzreifen und Schläuche zu finden sollte selten ein Problem sein.
  • Relativ langer Radstand. Dies ist vor allem für die Fahrt mit schweren Taschen ein Vorteil. Das Velo fährt ruhiger und kommt bei schnellen Fahrten nicht ins Schlingern. Zudem hat man genügend Beinfreiheit, damit die Fersen nicht an den Hinterrad-Taschen touchieren.
  • Eher aufrechte Sitzposition. Ist natürlich Geschmacksache. Aber bei Wochen- oder Monatelangen Fahrten eher angenehmer.
  • Darauf achten, dass mindestens 1.9" Reifen montierbar sind!

 

 Mountainbike:

  • 26" Räder. Wie oben.
  • Sehr stabiler Rahmen, da viel kleiner.
  • Oft keine Anlötteile für Gepäckträger. Mit etwas Bastel-Geschick kann man sie dennoch meistens gut befestigen.
  • Durch den kurzen Radstand ist es oft schwierig, die Taschen so zu montieren, dass die Fersen sie nicht touchieren.Auch das Fahrverhalten bei hohem Tempo und schweren Taschen ist oft schlechter.
  • Meistens günstiger, da Massenprodukt. 

Federung ?

Es gibt heute bereits einige Tourenräder mit Federgabel oder die sogar Vollgefedert sind. Auch Lowrider (Vorderrad-Gepäckträger) für Federgabeln gibt es.

 

Zum Mountainbiken würde ich mein 'Fully' um keinen Preis mehr hergeben, doch Federung am Tourenvelo...?

Ich kenne bis heute keine Federgabel, geschweige denn eine Hinterradfederung, welche eine Monatelange Fahrt über Pisten mit 30Kg Gepäck mitmacht. Zudem kann ich eine Federung nicht selber reparieren. Für mich also ganz klar: NEIN, Federung hat am Tourenvelo nichts verloren! Zudem könnte ich mit 30Kg Gepäck auch mit einer Federgabel nicht schneller als im Schritttempo eine ruppige Anden-Piste runterfahren.

Eine Federung gibt es allerdings welche ich sinnvoll finde: eine gefederte Sattelstütze.

Die schwierigste Entscheidung gleich zuerst: welcher Rahmen darf es denn sein? Bei dieser Frage muss oft auch schon über andere Komponenten entschieden werden (Scheiben- oder Felgenbremsen, Naben- oder Kettenschaltung, Federung) da es nicht jeden Rahmen für jede obige Kombination gibt.

Meine Rahmenbedingung waren:

  • Grösstmögliche Robustheit, Gewicht sekundär
  • Stahlrahmen Ich habe Gefallen daran gefunden, einen verbogenene Rahmen mit roher Gewalt wieder fahrtüchtig zu machen...
  • Langer Radstand Für genügend Beinfreiheit und ruhigen Geradeauslauf mit Gepäck
  • Für V-Brakes, Kettenschaltung
  • Alles nötige drann aber nichts zuviel Anlötteile für Gepäckträger, Flaschen
  • Als Rahmenset erhältlich 

Ich habe mir verschiedene Rahmen angesehen, mich aber schliesslich doch wieder für einen Papalagi entschieden mit dem ich schon seit vielen Jahren unterwegs bin. Grund: Ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem Papalagi gemacht und die (wenigen) mir bekannten Schwachstellen waren auch bei Anderen nicht besser gelöst! Leider wird der Rahmen immer noch lackiert anstatt mit einer Pulverbeschichtung geliefert, welche viel langlebiger wäre. "Die Kunden wünschen das immer noch so". Wer das blos sein mag...? So wurde er halt gleich noch zum Pulverbeschichten geschickt ehe es losgehen konnte. Der Rahmen besteht aus Reynolds 853 Rohren (ChroMo):

 

  • Räder 26"
  • Sattelrohrlänge: 560mm (Center - Top)
  • Radstand: 1063mm
  • Gabelvorlauf: 45mm

Und nun ist er also da. Das Steuerlager (ein Chris King NoThreadSet 1 1/8") habe ich gleich montieren lassen (hier fehlen mir die Werkzeuge).

Wenn ich meine (und andere) Pannenstatistiken ansehe, dann sind vor allem 3 Teile besonders anfällig an einem Tourenvelo: Die Felgen, die Naben (besonders Hinterradnabe) und die Gepäckträger. Ich investiere also lieber etwas mehr in diese Teile als in Andere. Bei den Gepäckträgern heisst das bei mir: Bruce Gordon. Zwar sündhaft teuer, aber in der Qualität nach wie vor unerreicht.

Sie sind aus geweissten Stahlrohren (ChroMo) gefertigt.

Speziell der unteren Befestigung des hinteren Gepäckträgers sollte man besondere Beachtung schenken. Wenn möglich keinerlei Distanzscheiben zwischen Rahmen und Gepäckträger montieren. Dadurch wird der Hebel mit der die Schraube belastet wird unnötig grösser. Diese Schraube wird ausserordentlich stark belastet.

Ich hatte hier bisher (wie alle anderen Schrauben auch) rostfreie Schrauben verwendet. Auf schlechten Strasse brach bei mir diese Schraube ca. alle 8000km (Wenn man Ersatz hat kein Problem).

Die rostfreien Schrauben sind aber nicht sehr stark. Die Schrauben mit der grössten Festigkeit sind jene der Klasse 12.9 (steht auf dem Schraubenkopf). Diese können zwar an der Oberfläche rosten sollen aber dennoch deutlich stärker sein.

Die Räder, klar die schwächten und anfälligsten Teile am Tourenvelo. Hier gehe ich gar keine Kompromisse ein. Gewicht ist hier absolut sekundär, stabil muss das Ding sein!

 

Eigentlich hatte ich ja meine optimalen Felgen schon gefunden. Mit der Alesa Sputnik war ich immer sehr zufrieden. Auch sie lebt wegen der Abnützung der Felgenflanke nicht ewig, aber bis dahin ist sie sehr zuverlässig. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Mit 630gr sind es ganz schöne Schwergewichte (eine 'normale' MTB Felge wiegt im Vergleich dazu etwa 450gr.). Seit einiger Zeit gibt es Die Firma Alesa aber leider nicht mehr. Welches nun genau der Nachfolger der legendären Sputnik ist, scheint nicht klar zu sein. Die SP19 von Exal und die Sputnik von Rigida behaupten es auf jedenfall beide. Sie sehen von den Spezifikationen auch beide genau gleich aus. Ich habe mich für die Sputnik von Rigida entschieden (auf der Felgen steht übrigens noch immer Alesa Sputnik drauf...). Natürlich habe ich die 36-Loch Variante genommen. Wieso soll ich auf die zusätzliche Stabilität dieser 4 Speichen verzichten? Wegen dem Gewicht wohl kaum.

 

Die DT-Speichen sind ja schon fast so etwas wie Standard. Ihre Qualität ist absolut top. Ich verwende DT Alpine III Speichen. Diese sind am Speichenbogen 2.34mm stark (die DT Competition misst dort 2mm), was ihr zusätzliche Festigkeit verleiht. Mit dieser Speiche sind Speichenbrüche schon fast etwas exotisches!

Ich habe wohl bald den traurigen Rekord, dass ich schon fast jede Nabe zugrunde gerichtet habe. Schwachpunkt war immer der Freilauf. Bei monatelanger Fahrt über staubige Pisten werden diese extrem beansprucht. Seit einiger Zeit fahre ich nun aber die Naben von White Industries. Ein Meisterwerk von einer Nabe, welche man dazu noch mit einem simplen 2mm Inbusschlüssel komplett zerlegen und die Klinken ersetzten kann! Und sie läuft und läuft und läuft...

Nun geht es ans Eingemachte: Rad einspeichen! Blos keine Angst davor, das selber zu tun, es ist lange nicht so schwierig, wie man denken mag. Eine gute Anleitung gibt es [External]hier.

Als Reifen verwende ich auch den Marathon XR (2.0"). Mit etwas Glück (leider gibt es immer mal wieder schlechte Exemplare) halten diese 13'000km. Sehr wichtig ist vor allem dass sie mit dem besonders hohen Gewicht eines Tourenvelos umgehen können. Viele 'normale' Reifen sind schlicht nicht dafür gebaut und gehen entsprechend früh kaputt.

Die meisten Teile des Antriebs sind Verschleissteile. Hier zählt also nicht nur Qualität, sondern auch, dass die Teile ersetzt werden können. Beim mir reichen ein Ritzelpacket, Kettenblätter und 2 Ketten durchnittlich etwa 12'000km (Natürlich ist das sehr abhängig von den Bedingungen unterwegs).

 

Beim Schaltwerk und Umwerfer habe ich die robusten und bewährten XT Modelle gewählt. Sie haben auch ein recht gutes Preis/Leistungsverhältnis. Die Kurbeln mit den Kettenblättern sind so eine Sache: Da diese Dinge ja auch unterwegs ersetzbar sein sollen, will ich hier nichts exotisches. Andererseits beglückt uns Shimano fast im Jahresrythmus mit neuen Systemen: 4kant Konus- und Octalink, 4- und 5-fach geschraubt mit immer wieder unterschiedlichen Lochkreis-Durchmessern. Das einzige darin erkennbare System ist die laufende Inkompatibilität und der Zwang immer gleich Kurbel und Kettenblätter miteinander austauschen zu müssen. Ich habe mich für ein XT Tretlanger mit 4kant Konus entschieden, immer noch das am Weitesten verbreitete System. Entgegen früherer Befürchtungen hatte ich noch gar nie Probleme mit den Tretlagern und das gewählte besteht ebenfalls aus gedichteten Industrielagern.

Dazu eine Deore Kurbel mit den Kettenblättern 22/32/44. Ein Grund für diese Wahl ist, dass bei dieser Kurbel das mittlere Kettenblatt ebenfalls aus Stahl ist und nicht wie sonst meist üblich aus Alu. Die Kurbelschrauben habe ich ersetzt durch solche, die gleich eine Mutter integriert haben um die Kurbel wieder abziehen zu können. Somit kann ich unterwegs wieder ein Werkzeug sparen.

 

Eine 8-fach Kassette würde mir eigentlich genügen und es gäbe keinen Grund 9-fach zu wählen (zumal ja auch die Ketten noch dünner sind). Doch mittlerweile ist die Auswahl der 9-fach Kassetten deutlich grösser und eines mit einem 34 Ritzel gibt es bei den 8-fachen nicht. Das brauch ich aber unbedingt, wenn ich immer den Berg hoch kommen will. Ich habe also ein 9-faches mit der Abstufung 11-34 gewählt.

 

Als Kette verwende ich bereits seit längerem die Rohloff SLT-99 mit welcher ich sehr zufrieden bin. Als Pedalen habe ich das Top Modell von Shimano, die PD-M959 gewählt. Ich hatte sie schon oft dabei und möchte nicht mehr darauf verzichten. Sie reinigt sich auch beim viel Dreck recht schnell wieder und ist sehr robust (Sie hat sogar meine Bleihammer-Attacken problemlos überstanden als die Dinger verbogen waren)

Beim Lenker muss jeder sein persönliches Optimum finden. Bei mir ist das einer, der mir mittlerweilen so sehr ans Herz gewachsen ist, dass ich ihn schon seit 10 Jahren verwende. Obwohl ich mich immer mal wieder umschaue, konnte mich noch nie etwas neueres überzeugen.

 

Das Steuerrohr bleibt natürlich nicht so wie auf dem Bild. Auf die endgültige Länge kürze ich das aber erst nach einigen Probefahrten.

 

Als Bremshebel verwende ich die XT 2-Finger-Bremshebel. Zum Schalten benutze ich die Drehschalter von Sram. Sie sind einfach konstruiert und wartungsarm. Zudem bieten sie spielenden Kindern wenig Angriffsfläche. Um sie an einem solchen Lenker montieren zu können, ist allerdings etwas Bastelgeschick notwendig...

Als Lenkergriffe verwende ich die Neopren Überzüge von GrabOn, welche langlebig sind und eine gewisse Dämpfung bieten. Zusammen mit der Lenkerform habe ich so etwa 4 verschiedene Griffpositionen. Etwas das bei langen Fahrten sehr wichtig ist. Ein Spiegel ist natürlich Geschmacksache. Auf stark befahrenen Strassen bietet er aber die Sicherheit, sich nicht Umdrehen zu müssen um zu sehen wenn Gefahr von Hinten droht.

Nun also doch noch ein Federung? Während der Fahrt durch West-Tibet letztes Jahr hatte ich mir fest vorgenommen, es beim nächsten Mal mal mit einer gefederten Sattelstütze zu versuchen. Unter den verfügbaren Modellen kann ich mir vom Thudbuster am ehesten vorstellen, dass er 'Waschbrett-tauglich' ist. Wir werden sehen... Beim Sattel ist es (fast) wie mit dem Wein: Je älter desto besser. Also gibt es hier nichts Neues, sondern meinen bestens eingefahrenen Brooks Ledersattel.

Bei den Schalt- und Bremskabeln verwende ich vollständig geschlossene Kabel-Systeme. Diese gibt es z.B. von Gore oder Jagwire. Die Lebensdauer und Schalt/Brems-Qualität wird dadurch enorm gesteigert.

 

Im Rahmen montiere ich zwei Flaschenhalter für 1½l Pet-Flaschen und ein Halter für ein 7dl Bidon. Mit dem Pet-Flaschen-Halter von Minoura habe ich dabei die besten Erfahrungen gemacht.

Zusätzlich montiere ich noch einen Halter für die Brennstoff-Flasche unten am Unterrohr.

Und so sieht das Ganze dann fertig aus: