Georgien

Etwas nervös fahre ich zur Grenze nach Georgien. Was mich wohl dort erwartet? Der Grenzübergang wäre eine Sache von 5 Minuten, müsste ich nicht allen erklären, was ich denn da gerade tue... Die Georgier haben ein eigenes Alphabet, das weder mit dem Lateinischen noch mit dem Kyrillischen irgend etwas gemeinsam hat. Zum Glück sind aber die meisten Schilder auch in Lateinisch. Georgien erholt sich nur langsam vom Wirtschaftskollaps nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Fahrt durch die Orte ist oft bedrückend: viele Häuser- und Industrie Ruinen, kaum etwas scheint noch zu funktionieren. Den Georgiern selber aber merkt man nicht an, dass sie eine schwere Zeit durchmachen. Sie sind stolz und auf eine sympathische, zurückhaltend Art herzlich, wie ich es noch selten irgendwo angetroffen habe!!

...und sie trinken und festen gerne. Als ich in Kuatisi bin, will ich am Abend noch zur Ruine der Kathedrale über der Stadt gehen. Bald nach mir treffen dort auch ein orthodoxer Priester (die Georgier sind zum grössten Teil orthodoxe Christen) und 3 weitere Männer ein. Der Priester genau so, wie man ihn sich vorstellt, mit schwarzer langer Kutte, grossem Kreuz über dem rundlichen Bauch baumelnd und Vollbart. Einer der Männer hat eine Magnum (!) Flasche selbst gemachten (wie er stolz behauptet) Weisswein dabei. So sitzen wir zu fünft bei untergehender Sonne über der Stadt, der Priester stimmt immer mal wieder ein Lied an, während die Flasche langsam leer wird...

Hier im Kaukasus trifft nun endlich auch das ein, worauf ich mich schon lange gefreut habe: es wird Frühling! Die meisten Häuser entlang der Strasse haben alle grosse Gärten, in denen nun alles herrlich blüht. Viele Leute sind Selbstversorger. Auf und neben den Strassen hat es unzählige Gänse, Schweine, Kühe und Hühner. In den Orten sind die Läden und deren Auswahl kleiner geworden. Dafür wird auf dem Markt viel selbst gemachtes und gebackenes verkauft und das schmeckt eh viel besser.

Über das ganze Land verstreut, hat es in Georgien unzählige alte Kirchen und Kloster. Meistens sind sie an den schönsten Orten platziert. Ich besuche einige entlang meiner Route. Das Tal Richtung Tiflis wird flankiert von den hohen, schneebedeckten Bergen des Kaukasus.

Für einige Tage geniesse ich das Stadtleben in Tiflis: gutes Essen, Ausgang, Gespräche mit anderen Reisenden und die relaxte, charmante Stadt selbst. Ihren Namen bekam die Stadt abgeleitet von den heissen Quellen, die es hier gibt (tbili =warm). ein Besuch in diesen Bädern, wo einst auch Pushkin gebadet haben soll, darf natürlich nicht fehlen. Im Osten des Landes fahre ich durch grosse Rebberge. Es ist das Weinanbau Gebiet des Landes. Diesen geniesse ich noch einmal ausführlich. Es wird wohl der Letzte sein, für eine Weile...

Azerbaijan

Mit meinem Azerbaijan Visum ist das so eine Sache. Zu spät hatte ich festgestellt, dass man mir blos ein 1 Monate gültiges ausgestellt hat. Dieses hat mich aber fast 80$ und 5 Tage Warten gekostet. Aus der 1 kann ich doch einfach eine 4 machen ...? ich riskiere es. Entsprechend angespannt fahre ich zur Grenze. Meine 'Verlängerung' hält aber nicht lange stand. Nicht, weil es so schlecht gemacht ist, sondern weil es schlicht nur 1 Monat oder 1 Jahr gültige Visas gibt... Nach 4 Stunden rumtelefonieren ist endlich klar, dass ich nach Georgien zurück muss. In der Zwischenzeit werde ich aber gut versorgt von den freundlichen Beamten mit Tee und Mittagessen. Ich verbringe die Nacht bei einem Rugby Team aus Tiflis in einem langsam verrottenden ex-Soviet 'Sport-Hotel'. In Tiflis bekomme ich zum Glück prompt ein neues Visa und damit komme ich dann beim zweiten Anlauf problemlos über die Grenze (Abgesehen von den Lachern der Beamten die mich bereits kennen). Da bin ich ja nochmals mit einem blauen Auge davon gekommen...

Meine ersten Eindrücke von Azerbaijan ist dieses intensive, leuchtende Grün überall. Über lange Strecken fahre ich durch wunderschöne Laubwälder und vorbei an fruchtbaren Feldern. Ich fahre ganz im Norden des Landes entlang der grossen Berge des Kaukasus. Die dicht bewaldeten Hügel geben immer wieder faszinierende Blicke auf die bis zu 4000m hohen schneebedeckten Gipfel frei. Mein Körper hat Mühe, die extreme Klimaveränderung zu verarbeiten. Innerhalb weniger Tage bin ich aus dem kalten Winter in den heissen Sommer geraten. Auf der hügeligen, mit Schlaglöchern übersäten Strasse schwitze ich unglaubliche Mengen und kann nun erstmals auch in kurzen Hosen und T-shirt fahren.

Die Azerbaijaner sind grösstenteils Shiitische Moslems (wie Iran). Doch die Leute scheinen das hier sehr relaxed zu sehen. Kaum eine Frau trägt ein Kopftuch und es wird reichlich Alkohol getrunken. Ansonnsten erinnert vieles an die Türkei: die Sprache, die Musik , die Menschen, das Essen... Azerbaijans Wirtschaft geht es Dank den Öl-Vorkommen relativ gut. Allerdings ist hier in der Landwirtschafts Zone, ausserhalb der Hauptstadt davon nur wenig zu spüren. Ich geniesse die relaxten, ruhigen Orte entlang der Berge. Die Zeit scheint hier langsamer zu gehen.

In den grösseren Orten hat es meist noch ein Intourist Hotel. Das sind die Überreste der ehemaligen Standart-Soviet-Hotels. Diese Orte sind so wunderbar exzentrisch! Von Aussen droht einem die monströs, gigantische Soviet-Architektur fast zu erschlagen. Innen ist alles total heruntergekommen. Am schlimmsten sind die sanitären Anlagen, welche nur noch selten funktionieren. Dann muss das Wasser mit dem Eimer vom Gang geholt werden. Doch neben herabfallendem Verputz und einer sich ablösenden Tapete hat es dann eine Decke mit schöner Stuckatur. Das Bild abrundet fast immer eine Etagen-Dame (ja, sowas gibt es noch) welche meist aussieht wie als ob sie gerade einer Geisterbahn entstiegen sei und irgendwie immer Svetlana heisst...

Baku ist eine boomende Öl-Stadt am Kaspischen Meer. Protzige Geländewagen und Limousinen beherrschen die Strassen. Die Ufer südlich der Stadt bieten einen post-apokalyptischen Anblick: unzählige alte Bohrtürme erheben sich über dem ölig verschmutzten Boden und bieten in der aufgehenden Sonne ein skuriles Bild.

Entlang des Kaspischen Meeres fahre ich erst durch eine trockene Halbwüste, später im Süden wird es wieder sehr grün. Oft habe ich das Gefühl, die Leute hier seien schlicht überfordert, wenn sie mich sehen. Verzweifelt verwerfen sie die Hände. Ich kann die Fragen förmlich sehen in ihren Gesichtern: Woher, Wohin, WIESO ...? Doch ich kann unmöglich bei jedem anhalten und die Fragen beantworten.

Plötzlich stehen 2 Männer mit einer Videokamera mitten auf der Strasse. Erst will ich gar nicht anhalten. Doch dann zeigten sie mir ihren Presseausweis: tatsächlich, vom staatlichen Fernsehen. Die Jungs sprechen kein Wort Englisch und haben keine Ahnung, was ich denn da ins eilig hergehaltene Mikrofon sage. Sie werden sicher jemanden gefunden haben, der es übersetzt... Jedes Detail meines Velos und ich selbst werden gefilmt, ehe ich unter Applaus des inzwischen in Scharen aufgelaufenen Publikums weiter fahren darf.

Würde Azerbaijan all das investierte Geld für die omnipräsenten Bilder und Zitate des jetzigen und letzten (sein Vater) Präsidenten, welche jede Strassenkurve zu zieren scheinen, in den Strassenbau selber stecken, hätte es hier fantastische Strassen! So aber holpere ich oft über fürchterlich ruppigen Belag und Schilder sind extreme Mangelware.

Kommentare