Der Zöllner will meine Papiere für das Velo sehen. Als ich lache und mit der Schulter zucke, winkt er mich erstmal auf einen Tee zu sich rein - Kein Zweifel, ich bin in der Türkei! Genau hier ab der Grenze ist der Schnee zurück. Durch Verwehungen haben sich teilweise 2 Meter hohe Schneemauern entlang der Strasse gebildet! Doch am zweiten Tag setzt das Tauwetter ein. Ein starker, warmer Wind bläst aus dem Süden und lässt den Schnee schmelzen. So "segle" ich bei teilweise stürmischem Seitenwind und oft bedrohlicher Schräglage Richtung İstanbul. Das erste grosse Ziel meiner Reise habe ich erreicht: İstanbul, die sichtbare Grenze zu Asien am Bosporus! Doch bevor ich den überquere, entdecke ich für einige Tage die Stadt, staune ob der Architektur der grossen Moscheen und verlaufe mich im Gewühl des Grossen Basars.

Nach fast 1000 flachen Kilometern entlang der Küste, brenne ich darauf, endlich wieder Berge zu sehen. Auf der Strecke von İstanbul nach Ankara geschieht dies dann auch tatsächlich. Ich fahre auf einer knapp 1000m hohen Hochebene. Vom Winter ist hier zum Glück keine Spur zu sehen - im Gegenteil: bei bis zu angenehmen 15°C geniesse ich die Fahrt über die weite, karge Ebene. Über die Gastfreundschaft der Türken hatte ich ja schon einiges gehört. Sie aber zu erleben ist wunderbar: Immer wieder werde ich von der Strasse herbeigewunken, um einen Tee zu trinken. Frage ich in einem Ort nach dem Weg oder nach einer Unterkunft, geht das nicht ohne die obligate Teerunde vorher.

Ankara stand ja nicht unbedingt zuoberst auf meiner Liste der Orte, die ich in der Türkei besuchen wollte. Der einzige Grund, warum ich hierher fahre sind die Visas. Um meine Fahrt fortsetzen zu können, muss ich hier eine ganze Menge Visas besorgen. Das Velo kriegt jetzt also eine Weile Pause, während ich frisch rasiert und bewaffnet mit Stadtplan, Adressen, Passbildern und Dollars die Botschaften Zentral Asiens abklappere...

Der gordische Knoten

Vom Gordischen Knoten habt Ihr sicher schon einmal gehört. Doch was es damit auf sich hat...? Kurz vor Ankara bin ich bei Gordion vorbeigefahren, wo dieser Knoten gewesen sein soll. Es hiess, wer den Knoten öffnen kann, werde Herrscher über ganz Asien. Alexander der Grosse soll auch hier vorbei gekommen sein (333BC)und sein Glück versucht haben. Er scheiterte aber und zerstörte in seiner Wut den Knoten mit seinem Schwert. Trotzdem hat er danach grosse Teile Asiens erobert. Nun will ich ja nicht herrschen über Asien. Ich will lediglich dorthin fahren. Der Gordische Knoten heutiger Reisender sind die Visas! Nur wer sie ergattert, dem öffnen sich die Grenzen.

So stürze ich mich also in die 'Schlacht' mit den Bürokraten. Die Trophäen sind kleine bunte Kleber und fantasievolle Stempel z.T. in Schriften, von denen ich nicht mal gewusst habe, dass sie existieren. Die Bürokratischen Mühlen mahlen unterschiedlich schnell. Georgien hält mit sensationellen 15 Minuten den nachahmenswerten Rekord. Bei Usbekistan dauert es etwas länger und ich habe in der Zwischenzeit Gelegenheit, die antiken Ruinen von Ephesus und Hierapolis zu besuchen.

Nach 14 Tage Schnitzeljagd durch Ankara bin ich stolzer Besitzer von 5 neuen Visas und die Fahrt kann endlich weiter gehen. In euphorischer Stimmung verlasse ich Ankara: Kaukasus & Zentralasien Ich komme! Doch es ist noch weit bis dorthin und so fahre ich erstmal nach Kappadokien...

Im Untergrund von Kappadokien

Das Wetter-Timing scheint mal wieder perfekt: Hatte es während meines langen Aufenthaltes in Ankara fast täglich geregnet oder geschneit, ist es jetzt stabil schön! Auf dem Weg nach Kappadokien fahre ich wieder über diese scheinbar endlos weiten Hochebenen. Die Landschaft scheint nun definitiv die Dimensionen geändert zu haben. In diesen Tagen habe ich das Gefühl, nun wirklich Europa hinter mir gelassen zu haben und in Asien zu sein.

In Kappadokien hat die Natur aus erodiertem Lavagestein die eigenartigsten Skulpturen geformt. Während Jahrhunderten haben danach die Bewohner ihre Wohnungen, Kirchen und Kloster aus dem Gestein gehauen. Während einigen Tagen erkunde ich diese Orte. Das Highlight sind ganze Städte, die bis zu 8 Stockwerke tief in den Untergrund gebaut wurden, in denen sich die Bevölkerung versteckt hat, wenn gerade mal wieder ein Eroberer übers Land gezogen ist. Natürlich geniesse ich auch, nun erstmals andere Reisende zu treffen und mich für einmal nicht mit Zeichensprache zu verständigen...

Zentral Anatolien

Weiter geht es Richtung Osten. Die Distanzen zwischen den grossen Orten werden immer grösser und Verkehr hat es nur noch ganz wenig.

Mit jedem Tag Richtung Osten wird die Landschaft steiniger und trockener. Die Strasse begnügt sich nun nicht mehr damit, blos über die Hochebene zu führen. Es geht regelmässig in Täler und Canyons runter und dazwischen über knapp 2000m hohe Pässe - traumhaft!

Malatya ist das Aprikosen Zentrum der Türkei. Nicht, dass diese bereits an den Bäumen hängen, doch überall entlang der Strasse werden die getrockneten Früchte verkauft. Besonders in den Steigungen bin ich natürlich ein leichtes 'Opfer'. Bei jedem Stand soll ich probieren und kriege ein paar zugesteckt, am Besten gleich noch mit einer Teerunde...

Von Malatya fahre ich mit dem Nachtbus noch einmal zurück nach Ankara. Hier kriege ich prompt das fehlende Turkmenistan Visa ehe es auch schon wieder zurück nach Malatya geht.

Durch Kurdistan

In Elaziğ muss ich mich entscheiden, wohin es nun gehen soll. Eigentlich möchte ich gerne zum Van See fahren. Doch das bedeutet über 500km Umweg und alle sagen mir, dass es dort noch viel zu kalt sei. Durch das grandiose Wetter der letzten Tage bin ich optimistisch - wird schon nicht so wild sein. Erstmal geht es aber ganz in den Südosten der Türkei. Gigantische Staudammprojekte haben in der ansonsten trockenen Gegend riesige Seen und grüne Felder entstehen lassen. In Diyarbakir habe ich das Gefühl, bereits im Orient zu sein. Die Frauen tragen hier bunte Kopftücher und die Männer lustige Flatter-Hosen. Sie Stadt ist gestossen voll mit Leuten und scheint ein einziger Basar zu sein - herrlich! Ich bin nun im Land der Kurden unterwegs. Die Dörfer sind deutlich ärmer geworden. Wo ich hinkomme, errege ich grosse Aufmerksamkeit.

Plötzlich tönt etwas komisch am Velo. Ich halte an und stelle leider fets, dass die Anlötöse für sie Gepäckträger-Befestigung ausgebrochen ist. Ich bin gerade in einer Stadteinfahrt. Wie üblich hat es hier unzählige Autowerkstätten. Ich fahre zu einer hin und zeige mein Problem. Der Mechaniker macht sich gleich an die Arbeit das Ding wieder anzuschweissen. Ich will ihm helfen, doch er bestellt mir einen Tee und meint, ich soll den trinken und ihn arbeiten lassen... Als ich ihn frage, was er dafür kriegt, schüttelt er den Kopf und sagt mit breitem Grinsen: "turkish service!"

Zurück im Winter am Van See

Durch ein enges Tal fahre ich zum Van See hoch. Was für ein Kontrast: Hatte ich unten auf 700m noch 15°C genossen und bereits die ersten Blüten an den Aprikosen Bäumen gesehen, bläst mir ein eisiger Wind entgegen, als ich oben auf 1700m ankomme. Die ganze Gegend ist tief verschneit. Mein Wetter-Glück hält weiter an. Die Fahrt entlang des Sees wird für mich zum Landschaftlichen Höhepunkt der Türkei: tiefblaues Wasser, verschneite Ufer und über allem tronend bid zu 4000m hohe Vulkane. Es ist fantastisch!

Eigentlich wäre ich jetzt nur noch 100km von der Grenze zum Iran entfernt. Aber dahin will ich noch gar nicht. Erst soll es in den Kaukasus gehen. Also geht es wieder zurück in den Westen. Wie um mir zu zeigen, was für ein Glück mit dem Wetter ich am See doch gehabt habe, präsentiert sich dieses nun auf dem Weg zurück nach Erzurum von seiner widerlichsten Seite. Es schneit und regnet und ich kämpfe tagelang gegen einen furchtbaren Gegenwind an, der mich kaum vom Fleck kommen lässt. An einem Tag schmeisse ich den Bettel nach 5 Stunden zermürbender Fahrt und gerade mal 45 erreichten Kilometern erschöpft hin. Am nächsten Tag kriege ich gleich nochmals eine Lektion, wie lange 40km sein können, als zum Wind auch noch ein fürchterlicher Schneesturm hinzukommt.

Von Erzurum führt die Strasse durch eine enge Schlucht aus leuchtend roten Felsen runter ans Schwarze Meer. Noch ein letztes (?) Mal meldet sich der Winter zurück und beglückt mich mit dem hoffentlich letzten Schneesturm für eine Weile...

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