Ich habe ernsthafte Probleme, all meine Esswaren in den Taschen unterzubringen und werfe noch ein paar Ausrüstungsgegenstände über Bord um mehr Stauraum zu kriegen. Ein kleiner Auszug aus meinen Vorräten:

  • 1,5 Kg Erdnüsse
  • 0,7 Kg Käse
  • 1,5 Kg Schockolade
  • 1,2 Kg Müesli
  • 1 Kg getrocknete Feigen
  • 1 Kg getrocknete Trauben
  • 1 Kg Teigwaren
  • 1 Kg Cracker und Biscuits

So, nun wisst Ihr in etwa, wovon ich mich die nächsten Wochen ernähre. Das wird natürlich jeweils ergänzt mit dem was unterwegs erhältlich ist: Nudel-Suppen, Brot und Biscuit.

 

Bevor es nun aber in die Berge geht, muss ich noch 260km am südlichen Rand der Taklamakan Wüste entlang einer Art Oasen-Gürtel fahren. Schon bald nach Kashgar sind die Dörfer rein Uighurisch. Wie überall in West-China leben die Han-Chinesen ausschliesslich in den grossen Städten. Die Leute sind angenehm zurückhaltend. Nur selten rufen sie mir nach. Sobald ich aber irgenwo anhalte um z.B. etwas zu kaufen, verursache ich beängstigend grosse Menschenaufläufe.

Ich leide mal wieder furchtbar unter der Hitze, doch meine Sorge gilt diesmal vor allem meinen Lebensmittels in den Taschen... 20km vor dem Abzweiger in die Berge sehe ich nach 2 Tagen auf dieser verkehrsreichen, staubigen Strasse bereits wieder furchtbar dreckig aus. Jetzt noch einmal ein Hotel-Zimmer, das wäre es doch. Ich finde auch tatsächlich eines. Doch beim Einchecken scheint es Probleme zu geben. Plötzlich stehen 2 Polizisten neben mir. Ich solle ihnen nachfahren. Ich ahne schon das Schlimmste. Doch man bringt mich in das für Ausländer zugelassene Hotel, welches natürlich doppelt so teuer ist. Leider ein altbekanntes Problem in China, wo Ausländer in nicht touristischen Orten oft nicht in den billigeren Hotel absteigen dürfen. Ich wehre mich aber nicht gross und geniesse für Heute den Luxus.

Velofahren in Tibet ist so eine Sache. Um dort legal unterwegs sein zu dürfen, braucht es ein sog. 'Alien Travel Permit'. Dieses Permit wird an regelmässigen Checkpoints kontrolliert. Als Einzelreisender erhält man in der Regel dieses Permit nicht. Soweit die Theorie. Nun waren wir Tourenfahrer ja noch nie dafür bekannt, uns an solche Regelungen zu halten. Veloreisende sind heutzutage gut vernetzt und Informationen über den momentanen Zustand einer Strecke werden schnell untereinander ausgetauscht. Die aktuelle Lage soll so sein, dass man ohne grosse Probleme bis Ali (die erste grössere Stadt) fahren kann. Dort wird man gebüsst, ohne Bewilligung hier zu sein und erhält dann aber die Bewilligung weiter zu fahren! Trotz diesen guten Informationen bin ich nervös, als ich in Yencheng, wo die Strasse 219 abzweigt einfahre. Denn hier in China ist nichts Sicher und die Dinge können sich schnell ändern.

Da vorne zweigt die Strasse ab! Wie mit einem Tunnelblick fahrend, versuche ich die diversen Polizisten welche am Strassenrand stehen zu ignoriene und fahre so schnell wie möglich aus der Stadft. In den letzten Jahren bin ich bestimmt schon hundert mal diese Strecke in Gedanken auf der Karte gefahren. Ich kenne die Orte und die Höhen der Pässe schon fast alle auswendig. Nun fahre ich tatsächlich auf der '219' Richtung West-Tibet!

Es ist ein faszinierende Fahrt aus der Wüste rauf ins Hochgebirge. Nach dem ersten Tag habe ich die Sandwüste hinter mir und die Täler werden allmählich grüner. Ich treffe auf viele Kamel-Herden. In den kleinen Orten getraue ich mich zu Beginn mich nicht allzu lange aufzuhalten. Ich kaufe jeweils schnell Brot und Getränke und weiter geht es. Bei den Polizeautos, die mich regelmässig überholen zucke ich zu Beginn immer zusammen. Doch als ich feststelle, dass sie mich in Ruhe lassen, nehme ich es langsam etwas relaxter.

 Der erste Pass hat noch ideale 'Warmfahrhöhe' mit 3300m. Die Blicke runter in die trockenen, tief erodierten Täler sind herrlich. Bei Kudi passiere ich den ersten Checkpoint. Ich erwarte keine Probleme, werde registriert und darf weiter fahren.

 

Der zweite Pass ist schon von gröberem Kaliber. Bereits geht es rauf auf 4980m. Das langsam ansteigende Tal wird zusehens steiniger. Es hat kaum noch grüne Flecken. Dafür tauchen in den Seitentälern nun bereits die ersten grossen Schneeberge auf. Auch das Wasser des Flusses wird endlich sauberer. In den letzten 3 Tagen waren alle Flüsse und Bäche in den Farbschattierungen dunkelbraun bis tiefschwarz. Selbst als ich in den Orten nach Wasser gefragt habe, gab es nur diese dunkle Brühe. Vermutlich wegen des Gewitters, das vor ein paar Tagen hier in den Bergen nieder ging. Mein Filter muss Schwerarbeit leisten.

Nach diesem Pass lege ich einen Tag Pause ein um mich an die Höhe zu akklimatisieren, denn das war erst das Intro...

Die Strasse führt nun rauf zum Aksai Chin. Ein Hochplateau das auch von Indien beansprucht wird. Während über 250km fällt die Strasse nun nicht mehr unter 4800m und täglich geht es über 5000er Pässe. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Fahrt zwischen Himmel und Erde. In der ersten Hälfte fahre ich durch rot leuchtende Sandwüsten, bis ich urplötzlich vor einem tiefblauen See stehe. Die Farben sind unglaublich intensiv.

In der zweiten Hälfte kommt nun Grün als Farbton hinzu. Doch die Vegetation hat es nicht einfach hier auf diesen Höhen und die Hänge leuchten nur stellenweise in zartem Grün, wenn man sie von Weitem ansieht.

Für mich ist es jedesmal wie ein Wunder, wenn ich einen halben Tag durch die karge Landschaft fahre und dann plötzlich wieder vor einem grossen See stehe.

Das Erlebnis wird noch intensiviert durch die Tatsache, dass die Gegend (abgesehen von einigen Truck-Stopps) völlig unbewohnt ist und ich tagelang alleine unterwegs bin. Wenn ich gerade mal wieder die Gegend bestaune, holt mich oft eine dicke Staubwolke eines vorbeifahrenden Lastwagens wieder in die Realität zurück.

Tibet

Am 4. September, auf den Tag genau 8 Monate nachdem ich in der Schweiz gestartet bin, überquere ich die Grenze nach Tibet. Ich werde gleich standesgemäss begrüsst und über den 5400m hohen Qieshan La, den höchsten Pass auf der Route geschickt. 

Tibet, ein Hochplateu von der Grösse Westeuropas, nach allen Seiten abgeschirmt durch hohe Gebirge. Während Jahrhunderten war das Land isoliert (geografisch und selbst gewollt) und nur wenige Westliche erreichten das Plateau. Der Mythos einer buddhistischen Utopie, fernab aller Probleme und Brutalität der restlichen Welt hält sich bis heute hartnäckig.

Doch Tibet ist und war nie das zeitlose Shargrila, wie es so oft im Westen romantisiert wurde. Aber in der isolierten Lage entwickelte sich eine eigenständige, faszinierende Kultur.

Für die Chinesen war Tibet ein ungebildetes, barbarisches Land feudaler Herrscher, was schliesslich auch dessen Besetzung vor über 50 Jahren auslöste. Damals wurde die Tibetische Kultur vor allem gewaltsam unterdrückt. Heute geschieht dies vor allem durch die immer zahlreichere Migration von Chinesen nach Tibet. Die Tibeter sind heute eine Minderheit im eigenen Land.

 Noch immer ist eine Überlandreise nach Tibet eine anstrengende Sache, muss doch immer ein grossen Gebirge überquert werden um auf das Plateau zu gelangen. Über das westliche Kulun Gebirge gelange ich hierher.

 

Nach 16 Tagen erreiche ich Ali, die einzige Stadt in West-Tibet. Ali ist der Prototyp einer hässlichen, modernen, chinesischen Stadt mitten im Nichts. Aber Ali bedeutet auch eine warme Dusche, gute Restaurants & Läden und desshalb ist Ali nach der langen Fahrt auf staubiger und holpriger Piste auch ein kleines Paradies. Brav bezahle ich hier auch die Strafe und kriege danach das Permit um weiterzufahren.

Kurz vor und in Ali war ich einige Tage mit Korbinan & Paul, zwei deutschen Tourenfahrern unterwegs. Zusammen haben wir vor allem alle Läden der Stadt abgeklappert auf der Suche nach den besten Esswaren und bergeweise Momos (eine Art tibetische Ravioli) gegessen.

Mit prallvollen Taschen und wieder sauberen Kleidern starte ich wieder alleine. Seit 2 Jahren sind die ersten 80km nach Ali asphaltiert. Eine willkommene Abwechslung nach dem doch gar üblen Geholper der letzten Tage. Doch so plötzlich er anfing, so plötzlich hört er auch wieder auf und macht wieder den üblichen Pisten Platz.

Guge Königreich

Eigentlich wären es jetzt nur noch wenige Tage bis zum Kailash und am liebsten würde ich natürlich so schnell wie möglich dahin. Doch ich bin nun schon so lange unterwegs, da kommt es auf eine Woche auch nicht mehr drauf an. Also mache ich einen Abstecher nach Tielong im Süden nahe der Grenze zu Ladakh, Indien. Dies ist die Gegend welche in Tibet zuerst besiedelt wurde. Später entstand hier das Guge Königreich (950AC - 1670).

Der Weg dahin muss aber verdient sein. Ich überquere zwei klasse Pässe. Schmale Piste, regelmässige Steigung und scheinbar endlose Spitzkehren bringen mich zweimal auf über 5300m. Rund um mich herum hat es einige Wolken auf etwa gleicher Höhe. Aus einer regnet es heraus. Wer hat schon mal erlebt, dass er von OBEN Regen fallen sieht? In einer langen Abfahrt geht es dann aber runter ins Tal des Sutley. Blick über das Sutley Tal Die Landschaft wird dominiert von riesigen erodierten Felsen, die wie Säulen gotischer Kathedralen in den Canyons stehen. In diesen Felsen kann man noch gut viele Höhlen-Wohnungen entdecken.

Während zwei Tagen entdecke ich die Ruinen des Guge Königreiches. In Tsaparang sind die Überreste einer Stadt, gebaut auf einem markanten Felsen. Hier war einmal ein wichtiger Handelsknotenpunkt der Ladakh, Kashmir, Zentral Tibet und die Seidenstrasse miteinander verband. Die Stadt ist ein faszinierendes Wirrwarr aus Höhlen, Treppen und Tempeln auf dem steilen Felsen. Der Anblick der Tempel stimmt aber auch traurig. Als wäre die Kultur Revolution erst gestern gewesen, liegen hier viele Stupas und Statuen noch in Trümmern.

In den letzten Tagen hat es immer mal wieder kurz geregnet. Als ich auf dem Weg zurück zur '219' zum ersten Pass hoch fahre, habe ich plötzlich eine schwarze Wand aus Wolken vor mir. Es dauert nicht lange und es beginnt zu regnen. Schnell schiebe ich das Velo etwas abseits der Strasse und stelle in aller Eile das Zelt auf. Doch die Nässe ist bereits überall. Es dauert eine Weile, bis ich im Zelt wieder alles einigermassen trocken und sauber habe. Die Extreme sind hier oft sehr nahe beieinander. Noch vor einer halben Stunde habe ich geschwitzt, als ich die steile Steigung rauf gefahren bin und nun bin ich zusammengekauert im Schlafsack drinn und versuche den Körper wieder aufzuwärmen. 20 Stunden regnet es ununterbrochen! In meinem kleinen Zelt fühle ich mich in diesen Momenten jeweils unendlich klein und unbedeutend in dieser gewaltigen Natur. Die Beschreibung des Strassenzustandes nach dem Regen erspare ich euch...

Der Regen hat aber auch sein Gutes. Als ich die letzten Km Richtung Kailash fahre, wirkt die Landschaft wie frisch herausgeputzt, alle Gipfel sind weiss verschneit. Als ob man mir einen besonderen Empfang bereiten will. Gerade voraus taucht der Gurla Mandata auf. Ein gigantischer 7728m hoher Eisblock. Auf der rechten Seite reihen sich die Gipfel auf. Welcher ist es wohl? Der da vorne hat einen Hängegletscher, der könnte es sein, der muss es sein, er ist es... Kailash!

Es ist schwierig, die Gefühle zu beschreiben, wenn man etwas erreicht, für das man über 8 Monate lang alle Zeit und Kraft aufgebracht hat. Ich bin von den Gefühlen total überwältigt, setze mich an den Strassenrad und weine einfach.

Mein Traum ist tatsächlich wahr geworden. Ich bin mit dem Velo von Zuhause bis zum Kailash gefahren, jeden einzelnen Meter! (mit Ausnahme der Bosporus-Überquerung in Istanbul, wo ich nicht fahren durfte, was ich den Türken noch eine Weile nicht vergessen werde :-) )

Ich bin einfach unendlich glücklich. Noch einmal lasse ich die letzten 8 1/2 Monate in Gedanken passieren. Was für eine unglaubliche Reise es doch war. Es gab schwierige Momente z.B. als ich fast im Schnee stecken blieb in Bosnien und Erfrierungen an den Händen davonzog, als ich bei der Fahrt durch die Iranische Wüste mehrmals fast einen Hitzeschlag hatte und schwächer und schwächer wurde oder in Turkmenistan als ich fast verzweifelte ob dem starken Gegenwind und dem auslaufenden Visum. Aber die guten Momente überwiegen bei Weitem. Vor allem die vielen freundlichen Menschen, die mir überall immer geholfen haben. Ohne sie, wäre diese Reise gar nicht möglich gewesen.

Was aber macht man, wenn man das grosse Ziel plötzlich erreicht hat? Da habe ich zum Glück vorgesorgt. So wie der Kailash für die Buddhisten und Hindus das Zentrum des Universums ist, ist er auch für mich nicht das Ende der Reise, sondern der Mittelpunkt. Die Fahrt geht natürlich weiter Richtung Ost-Tibet.

Aber zuerst steht natürlich der Höhepunkt einer Pilgerreise zum Kailash bevor: die Kora!

Die Kora

Für einmal lasse ich das Velo in Darchen zurück und mache mich zu Fuss auf zur drei-tägigen Umwanderung des Berges.

 Dieser gibt, dramaturgisch perfekt, nie sein ganzes Gesicht preis, sondern offeriert in regelmässigen Abständen tolle Sichten von immer neuen Seiten. Am imposantesten ist die Nordwand. Hier mache ich einen kleinen Abstecher und zelte dann genau unterhalb der Wand. Wahnsinn, nur wenige hundert Meter hinter meinem Zelt ragt die 1500m hohe senkrechte Wand in perfekter Symetrie zum Gipfel hoch. Es ist mit Sicherheit der spektakulärste Ort, an dem ich je gezeltet habe! Seit dem Start der Reise habe ich ein paar Gebetsfahnen dabei. Ich baue einen grossen 'Steinmann' und lasse sie hier zurück. Sie haben ihr Ziel erreicht.

In dieser Nacht schlafe ich kaum. Stundenlang starre ich in den Sternenhimmel und in die vom Mondlicht erhellte Nordwand - was für ein Spektakel! Und wäre es nur für diese eine Nacht gewesen, die ganzen Mühen dieser Reise wären es Wert gewesen!

Natürlich hatte ich auch befürchtet, in ein Loch zu fallen wenn ich den Kailash erst einmal erreicht habe. Doch hier in Tibet gibt es ja noch genügend Highlights und Herausforderungen...

Dem Brahmaputra (der wichtigste Fluss Tibets) folgend geht es weiter Richtung Osten. In den weiten Tälern hat es viele Nomaden, die hier ihre grossen Yak- Schaf- und Ziegenherden grasen lassen. Am südlichen Rand des Tals kriege ich immer wieder fantastische Blicke auf die Eisriesen des grössten aller Gebirges zu sehen: des Himalaya. Eine Woche lang fahre ich gegen Osten. Die Strasse erlaubt hier kein schnelles Vorwärtskommen, erinnert sie doch oft eher an ein ausgetrocknetes Bachbett.

Auf der Jagd nach hohen Pässen

Kurz bevor ich Saga erreiche, will ich noch einen Abstecher in den Norden machen. Hier in der Gegend sind einige der höchsten Pässe überhaupt zuhause und an denen will ich doch nicht einfach vorbeifahren. Doch erstmal muss ich die Strasse überhaupt finden. Im Ort wo ich die Abzweigung erwarte, finde ich nichts und auch die Leute zucken alle mit den Schultern. Am Abend im Zelt brüte ich über meinen Karten und komme zum Schluss, dass ich wohl bereits 40km zuweit gefahren bin. 40km, das mag ja nicht nach viel tönen, aber auf diesen Strassen hier ist das mehr als ein halber Tag schwere Arbeit!

Natürlich fahre ich noch einmal zurück, so einfach gebe ich mich nicht geschlagen. Tatsächlich finde ich dann eine kleine, unscheinbare Brücke und anschliessend eine Strasse die Richtung Norden führt. Ah, herrlich das ist genau das, was ich gesucht habe. Hier hat es keine rücksichtslosen Touristen-Land Cruiser mehr, die mit 80km/h vorbeibrettern und mich im Steinhagel und Staub stehen lassen. Auch vom Nerven tötenden Waschbrett, das die letzten Tage auf der Strasse dominiert hat, bin ich endlich einmal erlöst.

Das hier als eine Strasse zu bezeichnen ist eigentlich schon eine Übertreibung. Es ist vielmehr eine Spur wie sie entsteht, wenn 30 Lastwagen mal am selben Ort durchgefahren sind. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein.Während den nächsten 3 Tagen sehe ich keinen Verkehr mehr, keinen Menschen.

Die Strasse führt genau auf 7079m hohen Loinbo Kangri zu, den ich in unmittelbarer Nähe passiere. Von der Passhöhe auf 5500m habe ich eine sensationelle Sicht auf die Gletscherberge rundherum! Eigentlich will ich jetzt nur noch etwas runter fahren um dann zu zelten, doch die Strasse steigt bereits wieder an. Da ich zu müde bin noch weiter zu fahren und die Aussicht so toll ist, zelte ich halt gleich auf der zweiten Passhöhe, auch wieder fast auf 5500m. Mittlerweile bin ich so gut akklimatisiert, dass ich selbst auf solchen Höhen schlafe wie meine Nachbarn rundherum, die Murmeltiere.

Die ganze Strecke ist sehr abgelegen und ich kann aussergewöhnlich viele Tiere beobachten. Vor allem viele Chirus. Diese Tiere sind unglaublich schnell, wenn sie mich einmal gesehen haben, rasen sie in einem Höllentempo über das Grasland. Weiter hat es viele wilde, gestreifte Esel, ein Adler sitzt stolz nur gerade 30m vor mir neben der Strasse, schwarze Störche, Hasen und natürlich Murmeltiere und eine Art Hamster, die schon halb Tibet durchlöchert zu haben scheinen.

Auf einer Karte die ich habe, ist hier in der Gegend ein hoher Pass eingezeichnet. Mit 5738m wäre es der höchste befahrbare Pass überhaupt. Doch ob die Strasse existiert, befahrbar ist und es auch so hoch ist, ist eine andere Frage. Doch versuchen will ich es auf jeden Fall. zweimal fahre ich auf einer vermeidlichen Spur hoch um auszukundschaften, doch beide Male endet die Spur im Nichts. Naja, dann halt nicht - Schade.

Nach einer langen Abfahrt sollte es heute nur noch dem Fluss entlang zum Tarok Tso See gehen. Doch solche Tage sind aus Erfahrung gefährlich. Meistens kommt es dann ganz anders - so auch heute. Plötzlich stehe ich vor einem steilen Pass. Ja was soll das denn? Ich will doch blos runter. So beisse ich halt in den sauren Apfel und klettere wieder auf einen 5000er Pass. Dafür gibt es nun eine schöne Abfahrt. Doch am See bin ich deshalb noch nicht, noch einmal stehe ich vor einem Hügel. Ja aber was ist das denn? Da sind die mit dem Lastwagen einfach gerade den Hang hoch gefahren. Es ist viel zu steil, Fahren ist unmöglich. Nicht einmal schiebend komme ich hoch! So schleppe ich mein Gefährt im Zick Zack durch die Wiese nebenan hoch - eine unglaubliche Plackerei. Als ich endlich oben bin falle ich erschöpft hin - keinen Meter weiter! Als ich mich etwas erholt habe und auf die andere Seite schaue, vergesse ich schon fast wieder die Erschöpfung. Unter mir liegt der grosse, tiefblaue Tarok Tso See, rundherum umgeben von tollen Bergen. Was für eine Aussicht! Ich zelte natürlich gleich auf dieser Terasse und geniesse die Sicht bis die Sonne untergeht.

Nun geht es Richtung Osten. Zwei Tage lang fahre ich durch kaum bewohntes Gebiet, immer leicht auf und ab, vorbei an Seen und durch weites Grasland. Nun sollte ich bald auf eine grössere Strasse treffen. Ich bin gespannt, ob das auch so ist und ich richtig gefahren bin, denn die Navigation ist nicht einfach mit den schlechten Karten mit denen ich hier unterwegs bin. Die Erleichterung ist gross, als ich tatsächlich genau bei Mendong herauskomme. Nach 6 Tagen ohne die Möglichkeit einzukaufen sind meine Taschen wieder einmal gähnend leer. Auf dem Weg zurück geht es noch einmal richtig zur Sache. Der Semo La, mit 5580m der höchste Pass auf dieser Reise steht auf dem Programm. Doch viel mehr als die Steigung ermüdet mich ein tagelanger sehr starker und eisig kalter Gegenwind. Kurz vor Saga ist mal wieder ein Checkpoint. Eigentlich erwarte ich keine Probleme und bin dann überrascht, als es doch welche gibt. Man ruft die Polizei im Ort, welchen ich zum Revier folgen soll. Dort sitze ich lange rum, während man mir die Gesetzestexte zeigt, gegen die ich verstossen habe. Man behält meinen Pass über Nacht zurück und will am nächsten Tag entscheiden. Ich wollte hier sowieso einen Tag Pause einlegen, den ich nach 30 Tagen (!) ununterbrochener Fahrt dringend nötig habe. Am nächsten Tag kriege ich meinen Pass zurück mit der Aufforderung...doch den Rest höre ich schon gar nicht mehr, nachdem ich den Pass wieder habe, mache ich mich schnell aus dem Staub - Schwein gehabt.

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